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Jörg Kantel

Reisefieber

»Sono Prussiano. Man spricht italienisch. Prussiano? Prussiano? sagte der Wirt: Ma mi pare che sieto ruffiano.«
(Seume: Spaziergang nach Syrakus)

Auch dieses Jahr hat mich mein Beruf wieder an einige ungewöhnliche und fremdartige Orte geführt, über die ich berichten möchte. Und wie immer sind diese Berichte völlig voreingenommen, unfair - ich hatte meistens höchstens einen halben Tag Zeit, diese Orte kennenzulernen - und trotzdem wahr.

Nijmegen

Nijmegen, nur 22 Kilometer von Kleve entfernt, beherbergt ein Max-Planck-Institut. Und so kam ich dieses Jahr sogar zweimal hierhin. Jedoch nur eimal hatte ich Gelegenheit, bei einem Stadtbummel mir die Stadt näher anzuschauen.

    Nijmegen liegt auf einem Hügel am linken Waalufer. Es ist der letzte Hügel vor der Nordsee und so gründeten schon die Römer hier eine Festung "Noviomagus", Kaiser Trajan verlieh ihr die Stadtrechte und auch Karl der Große und Barbarossa hatten hier eine Residenz. Von den Ruinen der alten Kaiserpfalz hat man eine herrliche Aussicht auf den Schiffsverkehr der Waal, eines der beiden niederländischen Rheinarme. Und es umweht einem ein Hauch von Geschichte: Hier starb 911 die Kaiserin Theophano, Ehefrau Ottos II. und hier wurde Heinrich VI., Barbarossas Sohn geboren. Geblieben sind aber nur Ruinen der Schloßkapelle und eine romanische Chorapsis.

    Mich fasziniert es aber immer wieder, an Orten mit mehr als zweitausendjähriger Geschichte zu stehen. Hier war schon Stadt, hier war schon Geschichte, als an Berlin noch niemand dachte. An solchen Orten kommt mir die pompöse 750-Jahr-Feier Berlins von 1987 immer lächerlich vor.

    Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, auch das alte Rathaus aus dem 16. Jahrhundert und die St. Stevenskirche (Baubeginn 13. Jahrhundert), die den Kern der "Altstadt" ausmachen, sind neu, d.h. nach dem Krieg wiederaufgebaut worden.

    Nijmegen ist katholisch und beherbergt die einzige katholische Universität der Niederlande. Daher wunderte es mich auch nicht, daß es in den Altstadtrestaurants viel flämische Küche gab. Man übte Solidarität mit den Glaubensbrüdern der spanischen Niederlande... Hier kramte ich verzweifelt (auch um meinem Mitreisenden zu imponieren) meine rudimentären Niederländisch-Kenntnisse hervor, um kommentarlos die deutsche Speisekarte vorgelegt zu bekommen. Und das war schon ein Ereignis, denn die Speisekarte bestand aus einer riesigen Schiefertafel, die vor uns auf einen Stuhl gestellt wurde.

    Faszinierend ist die Anzahl und Größe der Antiquariate. Ermüdet vom Stadtbummel verbrachten wir den Rest des Vormittages dort, wobei wir beinahe die Abfahrt des Zuges verpaßten.

Siena

»Siena ist ziemlich leer. Der heilige Geruch des Erzbischofs benahm mir alle Lust nur aus dem Wirtshause zu gehen.«
(Seume: Spaziergang nach Syrakus)

Norbert und ich hatten mal wieder Computer nach Florenz zu transportieren. Und da wir Florenz schon erlaufen hatten und im letzten Jahr einen Vormittag in Pisa verbrachten, beschlossen wir diesmal - nach Konsultierung eines Reiseführers - einen Ausflug nach Siena zu unternehmen.

    Leichter gesagt als getan. Zuerst einmal fanden wir unsere Busabfahrt nicht. Sie sollte in der Nähe des Bahnhofes von Florenz sein - aber dort fuhren alle möglichen Busse ab, nur keiner nach Sienna. Der Abfahrtstermin, den wir im Fahrplan gefunden hatten, rückte näher und näher und noch immer irrten wir um den Bahnhof herum, die Bushaltestelle nach Siena suchend. Schließlich fanden wir einen Bus aus Siena, der nach Florenz fuhr. Wir liefen ihm hinterher - er fuhr in ein Haus hinein und dort auf dem Hof war die gesuchte Bushalltestelle.

    Wir kamen gerade noch rechtzeitig, die Fahrkarten zu lösen und in den abfahrbereiten Bus zu springen und schon fuhr er los. Durch das dichte Florentiner Verkehrsgewühl hinein in die Toscana. Es war sehr früh im Frühjahr, wir waren in Garmisch noch durch den Schnee gestapft, aber hier war alles schon grün, die Temperatur lag um zwanzig Grad. Trotzdem sah es hier neben der Autostrasse nicht so aus, wie auf den Ansichtskarten der Toscana. Irgendwie stimmte es schon, aber ständig versperrten hässliche Details wie Fabriken, Müllkipppen oder Industrieruinen den Blick auf die Idylle. Je näher wir jedoch Siena kamen, desto mehr paßte sich die Landschaft der Postkarte an. Die Landschaft hieß Chianti, hier also müssen diese häßlichen Korbflaschen hergekommen sein, die in meiner Jugend die Wohnzimmer mit italienischer Athmosphäre schmückten.

    Siena selber liegt auf mehreren Hügeln. Die Endhaltestelle des Busses war einer dieser Hügel, um zur eigentlichen Altstadt zu gelangen, mußten wir jedoch diesen erst einmal herabsteigen und dann den nächsten Hügel wieder hinauf. Die Gassen gingen teilweise in einem abenteuerlichen Winkel nach unten oder nach oben. Sie waren schmal und oft auch überbaut. Von der Bushaltestelle an der Piazza San Domenico war der Blick auf den Dom überwältigend. Der Dom sollte wohl - zumindest schnappten wir das von einer Cicerona auf - die größte Kirche der Welt werden, aber irgendwie war das nicht gelungen, ob durch Geldknappheit oder Fehler in der Statik weiß ich nicht, jedenfalls steht er nun mit seiner seltsamen Disproportionalität einzigartig in der Toskana herum.

    Die Hauptattraktion von Siena ist aber die Piazza del Campo, ein muschelförmiger, halbrunder Platz am Rathaus. Er war überfüllt mit japanischen und amerikanischen jungen Touristen, die hier in der warmen Sonne sich wärmten und die Athmosphäre des Platzes auf sich wirken ließen. Auch wir genossen den Platz, allerdings von dem noch wärmeren Gestühl eines Restaurants aus und schrieben die üblichen Ansichtspostkarten.

    Siena hat die hübschesten Polizistinnen der Toskana. Das ist ein von uns empirisch überprüftes Faktum. Wenn sie in ihrer Operettenuniform die Touristen auf der Piassa del Campo überwachen, sehen sie einfach hinreissend aus. Schade, daß wir nachmittags schon wieder in Florenz sein mußten.

Stanford

»It's an odd thing, but anyone who disappears is said to be seen in San Francisco.«
(Oscar Wilde)

Wie würden sie jemanden nennen, der für fünf Tage über San Francisco nach Kalifornien fliegt, sich dann in Stanford vergräbt und nach fünf Tagen wieder abreist. Das einzige, was er von San Francisco gesehen hat ist die Golden Gate Bridge - vom Flugzeug aus. Bekloppt, nicht? Und genau dieser Bekloppte war ich.

    Doch der Reihe nach. Wir hatten eine Einladung zu einem Vortrag in Stanford. Wir sind hingeflogen. Wir sind extra drei Tage früher geflogen, um uns San Francisco anzuschauen. Der Vortrag war aber noch nicht fertig oder besser, wir hatten Angst, daß er den Anforderungen dieser doch sehr berühmten Universität nicht genügen würde. Und so überarbeiteten wir ihn während der drei Tage und Nächte. Dann hielten wir den Vortrag und flogen zurück. Und so haben wir nur den Universitäts-Campus gesehen und Palo Alto, wo wir am Abend nach der Tagung zum Abendessen eingeladen waren...

    Stanford ist eine private Universitätsgründung, die von einem Ölmilliardär mitten in die kalifornische Wüste gesetzt wurde. Der Campus ist im Stil einer Rancho gehalten, da hier früher eine Pferderanch stand - nur alles etwas überproportional größer. Exakt bis zur Campusgrenze ist überall grüner Rasen und dann fängt das Braun der Wüste an.

    Der Vorschlag, hier eine Universität zu gründen, erntete vor hundert Jahren fast nur Spott. An der Ostküste herrschte die Meinung vor, eine Universität im Westen sei so unnötig wie ein "Asyl für gescheiterte Schiffskapitäne in der Schweiz". Heute ist sie eine der berühmtesten Universitäten der Welt, für Naturwissenschaften, Informatik und Medizin gilt Stanford als anerkannte Adresse. Die Sandsteinhäuser tragen die Namen der Stifter, und so nimmt es nicht Wunder, daß das Informatikgebäude "William Gates Haus" heisst.

    Kalifornien lebt gesund. Noch nie habe ich so viel frischen Salat gegessen, sowenig Fleisch bekommen, wie hier in den Restaurants und Mensen. Nur der Mexikaner (alle hatten mir geraten, in Kalifornien mexikanisch zu essen) auf dem Campus war in meinen Augen nicht sehr mexikanisch, der Mexikaner in der Hermannstrasse bot authentischere Küche.

    Zigaretten und Alkohol bekommt man nur unter dem Ladentisch, Rauchen in der Öffentlichkeit ist verpönt - was einem meiner Mitreisenden fast bis an den Rand der Verzweiflung brachte.

    Ich liebe die amerikanischen Campus-Buchhandlungen. Man kann an ihnen immer erkennen, was gerade gelehrt wird. Und im Gegensatz zur MIT Buchhandlung, die ich vor einigen Jahren besucht hatte, spielte wohl "Künstliche Intelligenz" in Stanford nicht so eine große Rolle. Die Informatik-Abteilung glänzte eher mit praktischen Büchern, wie Programmieranleitungen und ähnlichem. Einzig ein bißchen Neuronale Netzwerke, Fuzzy-Logik und Roboterprogrammierung war in den Regalen zur Künstlichen Intelligenz zu finden. Mir ersparte das einige Dollars und die Notwendigkeit, schwere Bücher zurück nach Deutschland zu schleppen.

    Wenigstens hatten wir ein wunderschönes Hotel, weißgetüncht im Pueblo-Stil mit Swimming-Pool und begrünten Innenhöfen, so daß wir die lauen Sommerabende mit unseren Laptops auf den Knien im Freien verbrachten. Bier gab es an der Hotelbar aber nur in so geringen Mengen, daß wir anfingen, Geheimvorräte anzulegen.

    Auf Palo Alto war ich gespannt. Immerhin ist das der Ort, wo im Xerox Research Center die Maus und die grafische Benutzeroberfläche erfunden wurde. Aber es ist eine kleine Stadt, kleiner selbst als Champaign Urbana und besteht im Wesentlichen aus einer Kreuzung, um die herum Restaurants und Geschäfte gruppiert sind. Wir waren dort in einem "französischen" Restaurant, was für unsere kalifornischen und texanischen Gastgeber sicher exotisch war, für uns Mitteleuropäer war eher exotisch, was man sich in Kalifornien unter französischer Küche vorstellt. Immerhin, der (kalifornische) Wein war sehr gut und das fast vegetarische Essen auch - alles eben nicht sehr französisch, aber gesund.

    Noch einmal: Wie würden sie jemanden nennen...? Ach lassen wir das. Falls ich noch einmal die Möglichkeit bekomme, hänge ich die drei Tage hinten an.

Bremen

»In Preußen ist alles so groß, so groß
Und in Bremen ist alles so klein.«
(frei nach Tucholsky)

Auf dem Apple-Spring-Camp im Frühjahr in Essen hatte ich Karl-Heinz Becker und Michael Dörfler kennengelernt, die beiden, die Gabi schon früher einmal als Becker/Dörfler (Autoren eines Buches zur Programmierung von Fraktalen) dem Publikum der Sylvester bekannt gemacht hatte. Und so war ich stolz, von eben diesen zu einem Vortrag nach Bremen eingeladen zu werden.

    Frühere Besuche von Gabi und mir in Bremerhaven ließen in mir die Überzeugung wachsen, daß es dort nur regnet, besonders dann, wenn Gabi dabei ist. Dieses Jahr wurde dies experimentell bestätigt. Gabi war nicht dabei - und es regnete nicht, es war kalt aber die Sonne schien.

    Ich war noch nie in Bremen und ich hatte einen freien Vormittag und den Baedeker dabei. Also begann ich einen Stadtbummel. Ich fing am Bahnhof an. Der Beadeker war eigentlich unnötig. Alles war auf den Touristen vorbereitet und so ausführlich beschildert, daß ein Verlaufen nahezu unmöglich war. Zuerst zum Rathaus, vor dem schon im Oktober eine Art Weihnachtsmarkt stattfand, hier Freimarkt genannt (der eigentliche Freimarkt ist ein riesiger Rummel, der auf der Rückseite des Bahnhofs lag). Hier war auch der Roland, den ich beinahe übersehen hätte - ich hatte ihn mir viel größer vorgestellt - und das Standbild der Bremer Stadtmusikanten. Dann vorbei am Dom und ich war im Schnoorviertel. Gabi sagte mir, dass ich mir dies auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte. Und in der Tat: Es war sehr niedlich. Kleine Häuschen, aufwendig saniert und in fast allen entweder Andenkenläden, Boutiqen oder Kneipen.

    Und dann an die Weser. Nur konnte ich sie kaum erreichen, da eine vielbefahrene Straße das Schnoorviertel von der Weser trennte. Ein Überqueren war fast lebensgefährlich aber auch eigentlich nicht notwendig. Entgegen meiner Annahme gab es keine Uferpromenade. Und Schiffe sah ich hier unten auf der Weser auch keine.

    Also noch einmal die Straße überquert und wieder zurück. Den nördlichen Teil der Altstadt besucht. Hier bemerkte ich bewußt, was im Unbewußten schon die ganze Zeit in mir arbeitete. Alles war irgendwie klein - wenn man von den Kaufhauspalästen einmal absieht. Börse, Gildehaus, Rathaus und Haus der Bürgschaft, alles hatte etwas kleines, puppenstubenartiges. Weit entfernt von der preussischen Großmannssucht Berlins. Mir gefiel es.

    Und da es kalt war, ich die Altstadt einmal kreuz und quer abgelaufen war, ein oder zwei Buchläden besucht hatte, setzte ich mich am Markt in ein Café und ließ den Vormittag mit einem Pharisäer ausklingen.


Erstveröffentlichung: »Sylvester« 1999





Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:30:52 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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