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Die »Imperia« in Konstanz

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Jörg Kantel

Die »Imperia« in Konstanz

Eine Provinzposse

Imperia Wenn man zur Zeit den Hafen von Konstanz anfährt, wird man von einer riesigen, sich drehenden Frauenstatue begrüßt. Zuerst erinnert sie an die Freiheitsstatue, doch beim zweiten Hinsehen stutzt man. Erstens ist die Dame in ihren Proportionen recht üppig geraten, zweitens ist sie für ein hehres Freiheitssymbol recht spärlich bekleidet (obwohl alle schicklichen Stellen bedeckt sind). Und drittens hält sie ihre Arme angewinkelt, mit den Handflächen nach oben, wie eine ägyptische Göttin. Und wenn man noch genauer hinsieht, entdeckt man auf ihren flachen Händen je ein nur mit einer Kopfbedeckung bekleidetes Männlein, anhand des Kopfputzes eindeutig als Pabst und Kaiser zu identifizieren.

»Imperia« heißt diese Dame und sie soll an Konstanz große Zeit erinnern, an die Zeit des Konzils von 1414 bis 1418. Damals beherbergte die Stadt, die normalerweise etwa 7.000 Einwohner zählte, bis zu 72.000 Gäste, darunter drei bis vier Päbste, Kaiser und Könige. Und eben mehrere tausend Huren, die für das leibliche Wohlergehen der weltlichen und geistlichen Würdenträger zu sorgen hatten. Es ging schließlich um nicht weniger als die Einheit der katholischen Kirche und um eine Neuverteilung der kaiserlichen und kirchlichen Macht. Als Bauernopfer wurde der böhmische Reformator Johannes Hus verbrannt, drei Päbste traten zurück und wurden nach kurzer Schamfrist zu Kardinälen ernannt. Und ein neugewählter vierter Pabst durfte sich wieder als alleiniger Herrscher aller Katholen fühlen.

Bedenkt man den politischen und moralischen Sumpf der damaligen Zeit, so scheint die Dame Imperia kein schlechtes Sinnbild für das Konzil zu sein. Zudem hat sie ein literarisches Vorbild, die Kurtisane Imperia kommt in einem Roman Balzacs vor. In der Titelvignette der Erstausgabe kommt uns die Dame noch ohne Höschen. Dies jedoch wollte der Schöpfer der Imperia, der Bodmanner Bildhauer Peter Lenk, den Konstanzern doch nicht zumuten. Auch war ihm in unserer sittenstrengen Zeit das Wort »Prostituierte« oder »Hure« zu hart, er erfand dafür die Verniedlichung »Hübschlerin«.

Allein, auch in der jetzigen – züchtigen – Form tobt seit Monaten in Konstanz ein erbitterter Kampf um die Dame, der sich, begleitet von bundesweitem Gelächter und ironischen Artikeln in SPIEGEL und ZEIT zu einer Provinzposse erster Güte entwickelt. Von der örtlichen CDU wird die preisgabe derletzten ehernen Werte des Abendlandes beschworen, die Republikaner sind eh dagegen und die Grünen wittern in der vollbusigen Dame einen Hauch von Frauenfeindlichkeit. In dieser seltsamen Konstellation untersagte der Gemeinderat sogar zeitweise die Probeaufstellung – aus Gründen des Denkmalschutzes. Die Imperia passe, so daß vorgeschobene Argument, nicht in die denkmalgeschützte Silhoulette der Stadt. Als dann jedoch die das Denkmalamt als übergeordnete Behörde grünes Licht für die Aufstellung gab, verweigerte die Stadt trotz wasserechtlicher Gehnehmigung die Benutzung der stadteigenen Fähre. Und daß die Dame auf einer Fähre der Stadt Friedrichshafen Asyl fand und mit dieser Konstanz erreichte, erboste natürlich wieder den honorigen Gemeinderat. Schließlich streiten sich beide Städtchen schon lange um die Ehre, erste Metropole des Bodenseegebietes zu sein. Und Peter Lenk ist ein Schlitzohr. Natürlich benutzte er die Nachtfähre und gab so den Volksvertretern Gelegenheit, von einer »Nacht-und-Nebel-Aktion« zu sprechen, um anschließend in diversen Talkshows von SAT1 bis VOX die Vorwürfe genüßlich zu widerlegen.

Was nun? Auftraggeber für das Standbild war der örtliche Fremdenverkehrsverein, zumindest de jure dem Gemeinderat nicht weisungsgebunden. Eigentümer des Hafengeländes ist die Deutsche Bundesbahn. Und die Prüfstatiker der Bahn wie auch die Denkmalbehörde haben die Aufstellung der Imperia genehmigt. So steht die Dame da, und selbst, daß ein Mitglied der CDU-Ratsfraktionvor Freude darüber, daß der Gemneinderat die Aufstellung ablehnte, einem Republikaner öffentlich die Hand schüttelte, kann die üppigen 20 Tonnen Stein nicht erschüttern. Die Imperia dreht sich, lächelt über das Lob von Fellini (wen wundert's?) und freut sich über die Anfragen aus der Souvenirindustrie. Demnächst wird es sie auf Postkarten, als Seife oder auf T-Shirts geben. Und wenn es erst einmal soweit ist, ist sie eine Institution, die keine noch so abstruse Koalition im Konstanzer Gemeinderat mehr wegdiskutieren kann.


Erstveröffentlichung: 'die Zweitung', 18. Jahrgang, August 1993





Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:30:43 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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