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Am Nordrand des Fläming

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Jörg Kantel

Essen, Baden, Sonne und Regen

Damit nicht immer die anderen solch eine weite Anfahrt nach Zehlendorf haben, verabredeten wir diesmal einen Treffpunkt im Stadtpark Steglitz. Immerhin sollte es eine Radtour mit Kindern werden und die Kinder sollten nicht schon müde sein, wenn sie bei uns ankommen.

Im Stadtpark war ein Open-Air Konzert. Ute, Thomas und die Kinder warteten schon auf uns. Während wir noch zumindest den Titel zu Ende hören wollten (und auch ein bißchen verschnaufen, Gabi und ich hatten nämlich die Strecke nach Steglitz unterschätzt und waren eigentlich zu spät abgefahren, mußten daher ganz schön kacheln und waren so etwas außer Puste), drängelten die Kinder auf Abfahrt. Außerdem hatten wir bei der Planung vergessen, daß am gleichen Tag die große Berliner Radsternfahrt stattfand. Doch war es einer der wenigen heißen und sonnigen Tage in diesem verregneten und kalten Jahr und wir beschlossen daher, daß es schöner sei, im Grünen zu radeln anstatt über Beton und Autobahn. So fuhren wir den Teltowkanal am Uferweg südwärts. Vorbei am Denkmal Lilienthals und an der ausgestellten alten elektrischen Treidellokomotive, mit der früher die Frachtkähne auf dem Teltowkanal gezogen wurden. An der Stadtgrenze Berlins verließen wir den Kanal und radelten den alten Grenzstreifen ostwärts, links Berlin-Lichterfelde und rechts Teltow-Seehof. Nach kurzer Zeit wurde der Radweg auf dem alten Grenzstreifen jäh unterbrochen. Die Brandenburger haben schon ihre Hausaufgaben gemacht und die Bahnlinie Berlin-Teltow bis zur Stadtgrenze Berlins geführt. Zum Glück für uns sind die Berliner etwas verschlafener und so fuhren wir kurz wieder nach Berlin rein - wo von einer Bahn noch nichts zu sehen war - und auf der anderen Seite wieder raus. Dort ging der Radweg weiter, als sei nichts geschehen. Hoffentlich zeigt die Bahn noch Einsicht und legt einen Tunnel an, damit die Unterbrechung des Radweges wieder aufgehoben wird. Kurz danach bogen wir dann auch ab, um zum Bahnhof Teltow zu kommen.

Am Bahnhof Teltow führte eine alte kleine Straße Richtung Großbeeren, wie wir von früheren Ausflügen wußten. Nur leider dachten wir nicht daran, daß gerade hier das neue Güterzentrum, von dem aus Berlin beliefert werden soll, entsteht. Urplötzlich brach die Straße ab und wir blickten auf eine große Lagerhalle. Entlang des Zauns schoben wir unsere Räder durch eine Baustelle und erreichten auf der anderen Seite wieder die Straße, neu angelegt und mit Laternen versehen. Alles wartet darauf, daß der Aufschwung Ost hier endlich losgeht.

Wir radelten weiter gen Süden.

Und befanden uns auf historischem Boden. Hier, am Nordrand der Nutheniederung, fand am 23. August 1813 das berüchtigte Gemetzel statt, mit dem die angeschlagene Grand Armee Napoleons an der erneuten Besetzung Berlins gehindert wurde. Angeblich wollte der Befehlshaber des preußischen Heeres, der schwedische Kronprinz Karl Johann, Berlin preisgeben, um an der Oder eine bessere Ausgangsposition zu haben. Die beiden preußischen Junker Bülow und Tauent-ziehn widersetzten sich jedoch dem Befehl mit dem Hinweis, daß die 100.000 waffenfähigen Berliner »ihren Herd selber schützen werden«. Der preußische Sieg kostete, wie Fontante in der Beschreibung der »Bataille« berichtete, 28 französischen Offizieren und 2096 Soldaten das Leben, die preußische Armee beklagte über 1100 Tote. Bei diesen Zahlen gewinnt der Ausspruch Bülows: »Unsere Gebeine sollen diesseits Berlins bleichen, nicht jenseits«, eine neue makabre Dimension. Im Gedenken an dieses Gemetzel wurde von Schinkel in Großbeeren eine neogotische Kirche (1820) errichtet, den gleichen Zweck dient eine auf dem Schlachtfeld errichtete Pyramide, in der unter dem Bildnis Bülows der obige markige Spruch eingemeißelt ist.

Angeblich ist nach der Schlacht die gut gefüllte Kriegskasse der Franzosen verschwunden. Darum ranken sich zumindest hier im Süden Berlins einige Sagen. Ein französischer Soldat soll mit der Kasse desertiert sein, sich aber in der Nuthe-niederung verlaufen haben und fast im Sumpf versunken sein. Ein ortskundiger Bäckergeselle soll ihn dann gegen die halbe Kriegskasse, die er unter einer Weide versteckte, aus dem Sumpf geführt haben. Später soll er zurückgekommen sein, mit dem Geld die Mehlvorräte aufgekauft haben und ein steinreicher Mann geworden sein.

Zur 100 Jahr Feier der Schlacht wurde zusätzlich ein Turm errichtet, in dessen Sockel ein Museum. Dies ist zur Zeit allerdings geschlossen und schwer zugänglich, da sich mitter-lerweile dieser »Siegesphallus« auf der Kreuzung zweier vielbefahrener Straßen befindet, deren Überquerung trotz Ampel einige Mühe macht.

Am Fuße der Pyramide erholten wir uns vom Heldengedenken und stärkten uns gleichzeitig für die Überquerung der gefährlichen Kreuzung. Wir fuhren die B101 ein kleines Stück Richtung Süden, bogen dann aber nach Osten ab, um die Nutheniederung zu durchqueren. Diese war bis 1945 noch ein Sumpfgebiet und wurde erst im Rahmen der sozialistischen Agrarreform trockengelegt, um landwirtschaftlich genutzt zu werden. Da die schweren Landmaschinen auf dem sumpfigen Boden einsackten, wurden überall Wege aus Betonschwellen verlegt. Dies kam nun uns Radfahrern zugute. Es ruckelt zwar ein bißchen, aber im großen und ganzen ist das Fortkommen auf diesen Pisten sehr angenehm. Die Nutheniederung ist sehr vogelreich, in den letzten Jahren haben wir viele Störche beobachten können. Doch dieses Jahr ließ uns das Glück im Stich, alle von mir gesichteten Störche entpuppten sich bei genauerem Hinsehen als Gänse. Die Nutheniederung ist eine stille Landschaft, flach und von Gräben durchzogen, in der nur verein-zelte Gruppen von Gehölzen oder die die Gräben säumenden Weiden die Ebene unterbrechen. Kurz vor dem Berliner Autobahnring erwischte uns der erste kleinere Regenschauer, doch konnten wir uns an einem Pumpenhäuschen unterstellen.

Der Weg führte uns parallel zur Autobahn nach Jühnsdorf. In Jühnsdorf bogen wir an der efeubewachsenen Feldsteinkirche nach links ab, um an das Ufer des Rangsdorfer Sees zu gelangen. Der Regen wurde wieder stärker. Im Vertrauen auf die schützenden Laubbäume fuhren wir im Wald am Seeufer weiter, statt den offenen Radweg etwas oberhalb zu benutzen. Nach kurzer Zeit schoben wir, da der Boden doch noch sehr matschig war. Und wurden von einer Mückeninvasion überfallen! Soviel Beschimpfungen habe ich mir als »Reiseführer« schon lange nicht mehr anhören müssen, wie jetzt. Doch alles hat ein Ende, auch die Mückenplage. Als wir die Nordseite der Sees erreichten, lies der Regen nach, so daß wir wieder »ordentlich« auf dem dafür vorgesehenen Waldweg nach Rangsdorf radeln konnten.

Hier erwarteten uns direkt zwei Enttäuschungen. Die beiden am See gelegenen Gaststätten, das Seecasino und das Gasthaus Seehof, hatten geschlossen! Es hatte sich wohl noch nicht bis Rangsdorf herumgesprochen, daß Berliner am liebsten Sonntags Ausflüge machen. Also suchten wir im Ort nach einem Restaurant. Und wurden dabei von einem heftigen Platzregen überfallen. Und ich stürzte. Irgendwie ganz dumm. Glücklicherweise hatte es kaum einer beobachtet, da alle zum soeben gesichteten Gasthaus drängten. Meinen Ruf als »Radprofi« hätte doch sehr gelitten. Und wir wurden in der Gaststätte freundlich aufgenommen, konnten uns vom Schmutz reinigen und gut und preiswert speisen.

Als wir mit dem Essen fertig waren, brannte die Sonne vom Himmel, als wäre nichts gewesen. Und so bekamen die Kinder doch noch den versprochenen Strandbadbesuch. Das Strandband am Rangsdorfer See ist ein sehr schönes, wenig besuchtes Bad und wir blieben länger als geplant. Der Strand ist sehr flach und daher für Kinder ideal geeignet. Wir sonnten uns, schwammen ein bißchen und die Kinder planschten im Wasser. Am anderen Ufer des Sees sieht man wieder auf die Nutheniederung, die an dieser Stelle als Natur- und Vogelschutzgebiet für Besucher völlig gesperrt ist. Und in der Ferne erblickt man auf die Höhen des Fläming oder eher auf dessen Ausläufer, wie den Glienicker Weinberg. Der Name ist Programm, bis vor hundert Jahren wurden hier am Nordrand des Fläming Wein angebaut. Über die Qualität des Weins gibt es unterschiedliche Aussagen. Zum einen den Spruch: »Brandenburger Weinerträge fahr'n durch den Rachen wie die Säge«, Achim von Arnim aber lobte den Wein als genauso gut wie »ein vorzüglicher Aßmannshäuser.« Und Aßmannshausen liegt bekanntlich nicht weit von Rüdesheim am Rhein.

Wie in fast allen märkischen Seen soll auch im Rangsdorfer See ein Dorf versunken sein, dessen Glocken man an schönen Sommerabenden läuten hören kann. Doch obwohl es einer der wenigen schönen Sommerabende in diesem Jahr war, die Glocken daher eigentlich läuten müßten, hörten wir nichts.

Vor dem zweiten Weltkrieg war Rangsdorf ein beliebtes Seebad und Berliner Ausflugsziel. Damals fuhr allerdings die S-Bahn auch noch direkt von Berlin-Mitte bis Rangsdorf. Heute endet die S-Bahn unverständlicherweise schon in Blankenfelde. Dabei fuhr noch bis nach der Zeit der Maueröffnung ein S-Bahn-Stummel von Rangsdorf bis Mahlow, der nur bis Berlin-Lichtenrade hätte verlängert werden müssen.

Blankenfelde war auch unser nächstes Ziel, wo die Familie Finckh-Kramer in die S-Bahn einsteigen und nach Steglitz fahren wollte. Der Weg dorthin führt wieder zurück am See entlang, dann wird der Berliner Ring unterquert und weiter über eine sandige Piste durch den Wald nach Norden. Am Nordufer des Sees liegt auch eine alte Wallanlage, vermutlich von einer Wendenfestung. Sie wird im Volksmund »Römerschanze« genannt. Vermutlich ist dieser Name aber nicht von den alten Römern abgeleitet, wie der Name vermuten läßt, sondern von »Rööverschanze«, also »Räuberschanze«. In Blankenfelde verabschiedeten wir uns und Gabi und ich fuhren über Mahlow und der Siedlung Waldblick wieder an den ehemaligen Grenzweg. Hier an der Stadtgrenze von Lichtenrade ist der Grenzstreifen rechts und links des Grenzweges liebevoll aufgeforstet worden, jedes Gehölz hat einen Baumpaten mit Namensschild. Es wurde langsam spät, die Sonne ging unter, wir radelten etwas schneller und erreichten so bald über Seehof und Kleinmachnow unsere Zehlendorfer Wohnung.


Erstveröffentlichung: »Sylvester« 1998





Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:30:38 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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