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Jörg Kantel

Briesetal und Wandlitz

Auch wenn das Wetter nicht danach aussah: Es war Frühsommer und somit Zeit für eine Radtour. Also luden wir einige Leute dazu ein und verabredeten uns für Sonntag vormittag am S-Bahnhof Feuerbachstraße.

Leider war den meisten mit dem Sommerwetter auch die Lust abhanden gekommen. Außer Gabi und mir war nur noch Karen am vereinbarten Treffpunkt. Aber es regnete ausnahmsweise nicht und so wuchteten wir unsere Räder in die S-Bahn und fuhren los - Richtung Norden. Eine Stunde dauerte die Fahrt bis Borgsdorf, dort luden wir unsere Räder wieder aus. Von hier aus geht es auf wenig befahrener Strecke durch den Wald zur Kolonie Briese, dem wirtshaus-bestückten Eingang zum Briesetal. Da wir jedoch erst zum Ende unserer Radtour dort einkehren wollten (wie fast jedesmal), ließen wir das Briesetal erst einmal links liegen und fuhren auf der Straße weiter Richtung Summt.

Zuerst ist die Straße noch gut asphaltiert, auf halber Strecke jedoch gibt es dann nur noch holpriges Kopfsteinpflaster. Dies ist jedoch vermutlich der Grund dafür, daß dieser Weg immer noch relativ autofrei durch den Wald führt. Rechts kommen wir an ehemaligen Verklappungsplätzen vorbei. Die Natur hat sie mittlerweile gnädig überwachsen, was jedoch an Giftmüll darunter liegt, wissen wir nicht. Immer mehr Westberliner haben jedoch das schöne Waldgebiet mit Autobahnanschluß entdeckt, zumindest hat die Anzahl der Reitwege seit dem letzten Jahr deutlich zugenommen. Wie überall im Berliner Umland gilt auch hier: Der Aufschwung Ost, das sind Reiterhöfe und Imbißbuden.

In Summt steht seit der Wende eine dieser Buden, noch im Wald, aber schon an der Straße von Oranienburg nach Berlin gelegen. An drei Fahnenmasten flattern die Banner von Berlin, Brandenburg und Jägermeister. So wird jeder mit der Fahne begrüßt, die er verdient. Der Imbiß ist ein beleibter Radfahrertreff, an schönen Tagen sind alle Bänke im Freien belegt und am Fahrradständer kann man die Materialschlacht der Radtouristen bewundern. Auch wir kehren hier fast jedesmal, so auch heute, ein. Wegen des Wetters waren aber diesmal nur wenige andere Radler hier.

In Summt fuhren wir am See entlang bis zum Ortsausgang, dann nahmen wir die Abzweigung nach links. Rechts geht es zum Schloß Dammsmühle, zu DDR-Zeiten eine Ausbildungsstätte der Staatssicherheit, jetzt ein Schloßrestaurant mit Hotel, wegen der romantischen Kulisse bei Serienproduzenten aller Fernsehsender ein beliebter Drehort. Als wir Dammsmühle kurz nach der Wende einen Besuch abstatteten, war alles noch mit Stacheldraht eingezäunt und in der Nähe im Wald gab es auch ein Stück »Übungsmauer« mit Stacheldraht und Wachtürmen. Hier lernten die Stasi-Eleven den »richtigen« Umgang mit »Grenzverletzern«.

Heute jedoch ließen wir Dammsmühle rechts liegen und fuhren durch den Wald nach Zühlsdorf. Auf diesem Weg versinkt man normalerweise zentimetertief im märkischen Sand, so daß man über weite Strecken schieben muß. Dieses eine Mal jedoch hatte der Regen des Nichtsommers seinen Vorteil - die Strecke war über weite Strecken fest und konnte mit dem Rad fast problemlos befahren werden.

Zühlsdorf ist mehr oder weniger das andere Ende des Briesetals. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, daß Kinder mitfahren und wollte hier die Mittagspause einlegen und dann durch das Briesetal zurückradeln. Ohne Kinder waren wir aber viel zu früh. Nach einer kurzen Beratung beschlossen wir, weiter nach Wandlitz zu fahren.

Wandlitz ist dreigeteilt: Das Dorf auf der Südseite des Wandlitzsees, der Kurort an der Ostseite und die Waldsiedlung auf der Nordseite. Von seiner Vergangenheit der letzten drei Jahrzehnte will Wandlitz nichts mehr wissen: »Für viele war Wandlitz gleich Waldsiedlung, das ehemalige 'Luxusghetto' der vergangenen DDR-Politprominenz. Diese leicht-fertige, noch dazu in keiner Weise berechtigte Gleichsetzung, mitunter auch von den Medien praktiziert, führte am Beginn der 'Wende' im Herbst 1989 sogar zu rufmordähnlichen Folgen für den Ort und seine Einwohner.« So die offizielle Broschüre des Heimatvereins. Viel lieber möchte man an die Zeit vor dem Krieg anknüpfen, als Wandlitz Kurort und ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner war.

Die eigentliche Attraktion ist aber das im Dorf gelegene Heimat- und Agrarmuseum, das bis 1990 »Museum der agraren Produktivkräfte« hieß (die DDR-Bezeichnung »rauhfutterverzehrende Großvieheinheit« (kurz RVG) als Name für eine simple Kuh scheint also doch kein Witz gewesen zu sein). Im einem der Hauptgebäude, das der ostdeutschen Agrargeschichte von 1945 bis 1990 gewidmet ist, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein: die Ausstellung ist fast unverändert aus DDR-Zeiten übernommen worden. Sozusagen als Museum im Museum. Ob dies tatsächlich der wissenschaftlichen Aufarbeitung dient, wie ein Schild am Eingang der Halle behauptet, oder ob unverbesserliche Ostalgiker geködert werden sollen, sei dahingestellt. Für uns Wessis jedenfalls war es eine Attraktion. Die Bedeutung von Traktoren für die Kollektivierung (und Industrialisierung!) der Landwirtschaft wird ebenso deutlich wie deren Fetischcharakter: Von den ersten Traktorspenden aus der Sowjetunion bis zu den DDR-eigenen Fabrikaten »Brockenhexe« und »Aktivist« ist alles ausgestellt. Darüber rufen Plakate die »Arbeiter der Stirn und der Faust« zur Mithilfe bei der Frühjahrsbestellung auf, Fotos zeigen den Mähdrescher »Patriot« bei der Arbeit und ein Modell einer drehscheibenähnlichen Großmelkanlage ist ebenfalls zu bewundern.

Daneben gab es auch Nützliches (nicht nur) für DDR-Schulkinder aus dem nahen Berlin. In Schaukästen wurde der Unterschied zwischen Weizen, Gerste, Roggen und Hafer an lebenden Pflanzen erläutert - und auch ich stellte fest, daß ich bisher Gerste für Weizen gehalten habe.

Die andere Hälfte des Agrarmuseums ist der Landwirtschaft von der Steinzeit bis heute gewidmet und beherbergte landwirtschaftlicher Geräte und Nutzfahrzeuge. Da ich einige Jahre in Mannheim gelebt hatte, freute ich mich, einige Lanz-Traktoren und -Bulldozer zu sehen (Lanz gehört schon seit Jahrzehnten der amerikanischen Firma »John Deere«, aber für jeden in Mannheim bleibt es »Lanz«). Auch hatte ich noch nie so eine große Anzahl von verschiedenen Pflügen gesehen. Ansonsten unterscheidet sich dieser Teil des Agrarmuseums aber kaum vom Bauernmuseum in Blankeres (vgl. die Sylvester vom letzten Jahr), die Attraktion ist und bleibt die »DDR-Halle«.

Das Museum wurde zusammen mit dem auf der anderen Straßenseite liegendem Heimatmuseum von Walter Blankenburg in den Jahren von 1960 bis zu seinem Tod 1984 aufgebaut. Er betrieb bis dahin den genossenschaftlichen Milchladen des Ortes und war begeisterter Heimatforscher und Sammler. Nach der Schließung des Milchladens baute er in diesem das Heimatmuseum auf. Irgendwie erreichte er es, die DDR-Oberen von der gesellschaftlichen Nützlichkeit seines Tuns zu überzeugen und er wurde hauptamtlich mit der Leitung des Museums beauftragt. Über 25000 Besucher jährlich zeugen davon, daß dieses Museum sein Publikum gefunden hat.

Wir verließen das Museum wieder und radelten zum Kurort, der etwa zwei Kilometer entfernt vom Dorf Wandlitz am Ostufer des Sees liegt. Dort fanden wir eine weiteres Bausteinchen des Aufschwung Ost. An jeder Wasserpfütze Brandenburgs werden Surf- und Tauchschulen aufgemacht. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Golfplatz und eine Sportfliegerschule, dann wäre der Aufschwung vollständig. Die Imbißbude war jedenfalls da und wir nahmen ein eher frugales Mittagsmahl aus der Mikrowelle ein. Wohl wegen des schlechten Wetters war das einzige Restaurant des Ortes geschlossen. Danach setzten wir die Umrundung des Wandlitzsees fort, fuhren zurück, um an der Zühlsdorfer Mühle das Briesetal zu erreichen. Und beinahe hätten wir es verpaßt! Obwohl ich vorgab, ortskundig zu sein und auch eigentlich der Meinung war, daß wir auf dem direkten Weg ins Briesetal seien, endete der Weg mitten im Wald. Wir fuhren ein Stück zurück, nahmen eine andere Abzweigung, stießen auf zwei weitere Radfahrer, die ebenfalls verzweifelt das Briesetal suchten und fanden es dann mit vereinten Kräften und Landkarten doch noch. Nur mein Ansehen als Reiseführer hatte etwas gelitten.

Das Briesetal selber ist ein wunderschönes Tal mit einem Waldbach, eben der Briese. Seltene Pflanzen und Tiere sollen hier beheimatet sein. Wir selber haben schon Frösche beobachtet, Reiher gesehen und die stille Atmosphäre des Tals genossen. Auch heute waren wegen des Wetters die Wege fast menschenleer und wir kamen uns wie Entdecker vor.

Dann war das Tal zu Ende und wir am Briesekrug. Hier tranken wir unseren letzten Kaffee auf dieser Tour und fuhren dann die wenigen Kilometer nach Birkenwerder, wo wir in die S-Bahn nach Steglitz einstiegen. Wir waren sehr zufrieden, auch mit dem Wetter. Obwohl es ständig gedroht hatte, hatte es kein einziges Mal geregnet. So war es mal wieder eine schöne Radtour.


Erstveröffentlichung: »Sylvester« 1996





Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:30:30 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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