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Blankensee

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Jörg Kantel

Blankensee

Blankensee ist eine Schimäre, ein Potemkisches Dorf, eine Fata Morgana. Lange Zeit habe ich beinahe daran geglaubt, daß Axel Blomberg in seinen sonst ganz netten Reiseführern diesen Ort nur erfunden hat, um uns zu ärgern.

    Der erste Versuch vor etwa zwei Jahren, Blankensee zu erreichen, endete mit einer wilden Jagd. Gabi und ich hatten uns entschlossen, über Saarmund zu fahren. Der Flughafen von Saarmund war zu dieser Zeit gerade Landeplatz für einen über Berlin kreisenden Zeppelin. Wir mußten uns dies unbedingt anschauen. So schoben wir die Räder über die stoppelige Grasnabe, über die zu DDR-Zeiten vermutlich militärische Ausbildungsflieger bei Start und Landung holperten. So nahe der Westberliner Grenze durften damals bestimmt keine zivilen Maschinen in die Luft gehen. Plötzlich ein Schrei, Gabi ließ ihr Fahrrad fallen und rannte los. Hinter ihr der Zeppelin, der gerade zur Landung ansetzte. Es sah tatsächlich so aus, als ob ein riesiger Raubvogel Gabi jagen würde.

    Nachdem der Zeppelin von Gabi abgelassen und Gabi sich auch wieder beruhigt hatte, sahen wir bei Landung und Start zu. Eine Gruppe von Fotojournalisten stieg ein, um Berlin von oben zu fotografieren. Die Sonne stand schon tief und es sah schön aus, wie der Zeppelin von der Sonne vergoldet auf Berlin zuschwebte.

    Wir hatten natürlich zuviel Zeit verloren, um Blankensee heute noch zu erreichen. So radelten wir ebenfalls zurück nach Berlin. Am Teltowkanal kam uns der Zeppelin wieder entgegen. Er war schneller als wir und schwebte schon wieder zurück zu seinem Nest in Saarmund. Mir schien es, als ob Blankensee diesen silbernen Vogel Roch gesandt hatte, um uns fernzuhalten.

    Beim zweiten Versuch rief der Ort das Wetter zu Hilfe. Wir hatten uns mühselig durch die Sandpiste zwischen Sputendorf und Ahrensfelde gekämpft. Gabi empfand es schon als Menetekel, daß dort auch noch ein Fuchs unseren Weg kreuzte. Ich dachte noch nicht an Schlimmes, das Wetter war schön, hinter Ahrensfelde die Piste für Brandenburger Verhältnisse gut befahrbar, an einem Baggersee tobte die Dorfjugend und in Gröben sahen wir ein bewohntes Storchennest. Was also sollte passieren? Über kleine Nebenwege entlang der Nuthe radelten wir bis Klein Beuthen. An der Kreuzung im Dorf - oder besser Dörfchen -, wo das übliche Kriegerdenkmal stand, sahen wir dann zum Himmel. Es war plötzlich dunkler geworden. Die Sonne schien nicht mehr und dicke Gewitterwolken drohten. Nach einem kurzen Ratschlag beschlossen wir umzukehren. Über nette, ruhige Seitenstraßen fuhren wir zurück. Bis Saarmund folgten uns die Wolken, um dann plötzlich abzudrehen. Die Sonne kam wieder, als wäre nichts geschehen. Wieder hatte ich den Eindruck, daß Blankensee sich gegen uns verschworen hatte.

    Beim dritten Mal wollten wir es endlich wissen. Expeditionsmäßig hatten wir uns vorbereitet. Ganz entgegen unseren sonstigen Gewohnheiten waren wir sogar verhältnismäßig früh aufgestanden und losgeradelt. Diesmal wählten wir die Anfahrt über Großbeeren. Wir besichtigten dort das Denkmal, eine einfache Pyramide, die an die berühmte Schlacht der Alliierten gegen die Truppen Napoleons erinnern sollte. Die Generäle Bülow und Tauentzien verwehrten mit ihren Corps der französischen Armee unter Marschall Quidinot den Einfall nach Berlin. Bei diesem Gemetzel im August 1813 starben nicht nur sehr viele Menschen, sondern es wurden auch die letzten Errungenschaften der französischen Revolution zu Grabe getragen. Ehrlicherweise muß man zugeben, daß so viel von diesen Errungenschaften sowieso nicht mehr da war. Seit dieser Zeit feiert Großbeeren jedes Jahr Preußens Pomp und Gloria. Zu DDR-Zeiten fand wenigstens anstandshalber zur gleichen Zeit das Kreis-Erntefest der sozialistischen Landwirtschaft statt, seit 1990 gibt es aber wieder Preußen pur. Im Ort selber steht auch noch ein gußeisernes Gedenkkreuz Schinkels und ein Turm aus der Kaiserzeit. Der Siegesphallus wurde 1913 zum hundertjährigen Jubiläum errichtet. Eigentlich beherbergt er auch ein Museum. Doch wie vieles hat auch dieses die Nachwendezeit nicht überstanden und ist »vorübergehend geschlossen«. Ansonsten leidet das an sich schöne Dorf unter dem Dreck und dem Lärm der vielbefahrenen B101, die den Ort in zwei Teile zerschneidet.

    Weiter ging es über Rieselfelder innerhalb eines großen Eisenbahnringes. Dieser wurde zu DDR-Zeiten gebaut, um die Züge, die ja nicht mehr nach West-Berlin fahren durften, wenden zu lassen. Innerhalb dieses Ringes ist eine gut asphaltierte Straßen. Es war die Teststrecke des Ludwigsfelder Automobilwerkes, in dem jetzt Daimler-Benz Lkws produziert. Da diese Strecke abrupt an der Bahnlinie endet - Radfahrer können ihr Gefährt allerdings über die Gleise tragen - wurde die Piste nicht als Schleichweg entdeckt. Man sieht nur ein Paar Fahrschüler, die ihre ersten Fahrversuche hier wagen.

    Von hier bis nach Ludwigsfelde muß dann allerdings ein paar Kilometer weit eine vielbefahrene Hauptstraße benutzt werden. Dann allerdings, auf der Straße nach Ludwigsfelde hinein, benutzten wir einen Abzweig, der mit einem Hinweis beschildert war, daß es hier zu einem Sexshop gehe. Man erreicht allerdings nicht nur diesen Sexshop, sondern auch einen schmalen Weg, der vorbei an einer Kaserne (früher die Grenztruppen der DDR, jetzt im Besitz der Bundeswehr) und über eine kleine Autobahnbrücke nach Siethen und zum Siethener See führt.

    Siethen ist ein häßlicher Ort und der Weg an der Südseite des Sees langweilig und uninteressant. An der Nordseite führt jedoch ein schöner Waldweg immer am Seeufer entlang. Hin und wieder mußten wir allerdings schieben.

    Es gibt hier auch einige Erholungsheime und so ist auch mitten im Wald ein kleiner Kiosk anzutreffen, an dem wir Kaffee tranken.

    Wieder fuhren wir über Klein-Beuthen und dann in die Glauer Berge. Hier fuhr Blankensee sein schwerstes Geschütz auf, um uns an einem Besuch zu hindern. Der Weg über die Glauer Berge war mit knietiefem märkischen Sand bedeckt, der selbst das Schieben unserer Fahrräder zu einer qualvollen Angelegenheit machte. Dann jedoch, mitten in den Bergen, sahen wir einen Friedhof, dessen Grabsteine und Gräber seltsam einheitlich waren. Außerdem schien er zu DDR-Zeiten nicht benutzt worden zu sein, nach der Wende wurden jedoch wieder frische Gräber angelegt. Wir wissen es nicht genau, vermuten aber, daß es ein Sektenfriedhof der Johannischen Kirche ist. Dieses ist eine von Joseph Weißenberg 1926 gegründete Freikirche, die Glau zur Friedensstadt erklärte. Sie war während des Dritten Reiches verboten, in der DDR geduldet worden. Nur Glau selber, das von den Sowjets der nahegelegenen Kaserne annektiert worden war, war für die Sektenangehörigen unerreichbar.

    Zwischen Glau und Blankensee macht die Straße - wie um uns zum letzten Male abzuschrecken - plötzlich einen Knick. Die sowjetische Armee hat hier mitten auf der Straße ihre Kaserne angelegt. Exakt rechteckig führt die Umgehung an diese Kaserne vorbei. Es war kurz vor dem endgültigen Abzug der russischen Truppen und die Kaserne machte keinen abschreckenden Eindruck mehr, sondern wirkte eher bedauernswert armselig. Daß die ehemals gefürchteten Armeen so ihren Schrecken verloren haben, ist eine der positiven Folgen der Wende. Wir ließen uns also auch nicht mehr schrecken und so erreichten wir tatsächlich - Blankensee.

bauernmuseum

    Blankensee besteht eigentlich aus zwei Dörfern, einem slawischen Runddorf und einem Straßendorf der deutschen Eroberer. Man kann die Entwicklung noch gut im Ortsbild ablesen. Am wichtigsten für hungrige Radwanderer ist aber die Gaststätte am Bauernmuseum, die (noch) preiswert die Küche der Region anbietet. Im Sommer kann man hier draußen sitzen und leckeren Fisch bekommen. Blankensee ist schließlich ein Fischerdorf und früher lebte die Bevölkerung von den Erträgen des gleichnamigen Sees. Der Fisch wird hier üblicherweise mit Kopf serviert und Gabi, die in dieser Hinsicht etwas empfindlich ist, setzte sich solange an den Nebentisch, bis ich die Spezialität des Hauses verzehrt hatte. Dies war aber dann endgültig die letzte Attacke, die der Ort gegen uns ritt.

    Das Bauernmuseum, das hier tatsächlich immer so hieß und nicht wie in Wandlitz "Museum der agraren Produktivkräfte", ist in einem alten, strohgedeckten Haus aus dem Jahre 1649 untergebracht. Es zeigt, wie früher die Bauern und Fischer in dieser Gegend gelebt haben. Die Sammlung an Mobiliar, Kleidungsstücken, Möbeln, Arbeits- und Haushaltsgeräten ist unbedingt sehenswert. Daneben ist im Haus auch noch eine kleine Galerie untergebracht. Im Garten hinter der Gaststätte sind alte Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Nutzmaschinen zu besichtigen.

    Die eigentliche Attraktion von Blankensee ist aber das Herrenhaus aus dem Jahre 1740, in dem von 1902 bis zu seinem Tode 1928 der Schriftsteller Hermann Sudermann lebte und im von Peter Joseph Lenné gestalteten Park seine Statuensammlung anlegte. 1938 bis 1945 bemächtigte sich das Reichssicherheitsamt des Gebäudes, danach war es Schule und beherbergte den Rat der Gemeinde. Jetzt steht es leer. Garten und Haus befinden sich noch in einem erbärmlichen, ungepflegten Zustand, doch wird etwas getan. So ist eine der Putten am Eingang des Schlößchens frisch gestrichen und restauriert. Diese Putte befand sich auch auf dem Foto in dem Prospekt, der uns zu dem Besuch von Blankensee angeregt hatte. Die Putte auf der anderen Seite der Treppe bedarf dringend der Überholung, aber vielleicht wird ja bei der Neuauflage des Prospektes mal der ganze Eingangsbereich fotografiert. Wir hoffen mit der Putte.

putte

    Im Ernst: Bei unseren letzten Besuchen war eine rege Restaurierungstätigkeit zu entdecken. Das Herrenhaus selber sieht zwar immer noch so aus, als würde es jeden Moment in sich zusammenfallen, die Statuen und die kleinen Tempelchen im Park wurden jedoch gepflegt und restauriert.

    Blankensee war früher die Residenz des Thümenschen Winkels, die Herren von Thümen auch lange die Bewohner des Schlößchens. Der Thümensche Winkel war damals sächsisches Land, das sich weit in den preußischen Machtbereich hineinschob. Viele der armen gepreßten Bauernsoldaten nutzten dies aus und flohen über die Nutheniederung von dem nur zwei preußische Meilen entfernten Potsdam ins sächsische Land. Die Zahl der Desertationen war so hoch, daß - wie Fontane berichtet - der Thümensche Winkel in den Tagen Friedrich Wilhelms I. eine Sache von »Importance« wurde. Jedoch erst 1815 fiel die Gegend an Preußen. Vielleicht beruht auf dieser »Importance« die Hartnäckigkeit, mit der sich Blankensee gegen unseren Besuch wehrte.

    Allerdings hat seit unserem ersten Besuch Blankensee seinen Widerstand aufgegeben. Auch haben wir herausbekommen, daß die Sandpiste über die Glauer Berge nicht unbedingt notwendig ist. Südlich des Gröbener Sees führt eine wenig befahrene Straße über den bayrisch klingenden Ort Schiaß nach Blankensee. Hier hat man den Eindruck, direkt auf den Kapellenberg zuzufahren. Der Kapellenberg ist mit circa 79 Metern nicht gerade die höchste Erhebung der Glauer Berge - die liegt bei 92 Metern -, dafür aber mit zahlreichen Sagen verbunden. Natürlich soll auch hier wieder ein Schatz vergraben sein, der nur mit Hilfe einer Jungfrau zu heben ist. Wie schon Fontane bemerkte, sind an allen ausgeprägten Orten der Mark Schätze vergraben. Um sie alle zu heben, muß ein wahrer Verschleiß an Jungfrauen stattfinden. Auch Fontane versuchte, den Schatz am Kapellenberg zu finden. Da er jedoch ohne Jungfrau unterwegs war, fand er, wie er berichtete, nur einen Ameisenhaufen. Dies betrachtete er als ein »Avis an alle müßigen Schatzgräber, den Schatz da zu suchen, wo er liegt.«

    Man kann von Blankensee aus einen Abstecher an die Ufer des Grössinsees machen. Dort gibt es eine riesige Gänsefarm. Wer einmal hunderte von Gänsen und Enten auf einen Schlag sehen will, ist hier an der richtigen Stelle.

    Auch der Rückweg über Gröben ist empfehlenswert.Auch in diesem Jahr nistete dort wieder ein Storchenpaar. Das verschlafenen Dorf bildet zusammen mit Siethen die Heimat der Jagows, einem berüchtigten Brandenburger Junkergeschlecht. Fontane widmete ihnen im Spreeland ein ausführliches Kapitel. Einer der blutigsten Jagows trieb sein Unwesen aber erst nach Fontanes Zeit: Traugott von Jagow war kurz vor dem ersten Weltkrieg Polizeipräsident in Berlin, wo er mit »Maßnahmen« die Wahlrechtsauseinanderssetzungen begleitete.

    Ebenfalls empfehlenswert von Blankensee aus ist ein Abstecher nach Fresdorf. Dort hat unsere Freundin Lisa in der alten Dorfschmiede eine Weinstube eingerichtet. Wein ist zwar nicht das richtige Getränk für Radfahrer, aber Kaffee und Selters bekommt man bei ihr auch immer.

    Die Weiterfahrt zum Seddiner See ist, obwohl verlockend, leider nicht zu empfehlen. Es sei denn, man liebt es, im Autoverkehr zu ersticken. Die nahe Autobahn und die Bundesstraße 2 fordern hier ihren Tribut. Schön ist dagegen der Weg über Tremsdorf durch die Fresdorfer Heide wieder nach Saarmund zurück. So schließt sich der Kreis, zumal in diesem Jahr auch wieder Zeppeline in Saarmund Station machten.


Erstveröffentlichung: Sylvester 1995




Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:30:23 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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