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Drei amerikanische Städte

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Jörg Kantel

Drei amerikanische Städte

Vorbemerkung

Dieser Artikel ist völlig unfair. Er beruht auf meinem Amerika-Aufenthalt von gerade einmal zehn Tagen. Und abseits der beruflichen Dinge hatte ich höchstens je einen Tag für die genannten Städte. Und trotzdem ist alles wahr.

Boston

Was Rom für den bildungsbewußten Mitteleuropäer ist Boston für den beflissenen Amerikaner: Die Wiege seiner Kultur. Und ich gestehe: Wie jeder anständige Tourist folgte auch ich dem Freedom-Trail.

Das Auffällgste an Boston waren für mich die Eichhörnchen (oder was immer das für Tiere waren. Sie sehen aus wie europäische Eichhörnchen, nur haben sie ein graues, statt einem roten Fell.) Sie sind in dieser Stadt allgegenwärtig. Auf der kleinsten Grünfläche zwischen den Hochhäusern tummeln sie sich und kontrollieren die Mülleimer,ob die Menschen nicht etwas Eßbares übriglassen haben. In ihrer Frechheit gleichen sie Spatzen, sie kommen sehr nah einen Menschen heran, sobald aber eine - wenn auch kurze - Fluchtdistanz unterschritten wird, sind sie weg.

Zuerst dachte ich, daß es in Boston sehr viel engagierte Menschen gibt, die alle für einen wohltätigen Zweck sammeln. Fast alle, die mir begegneten, trugen eine Sammelbüchse mit sich. Als jedoch die ersten anfingen, aus der Sammelbüchse zu trinken, wurde ich stutzig. Es war gar keine Sammelbüchse, sondern eine große Kaffeetasse mit Deckel. Amerikaner scheinen keine Zeit zum Frühstück zu haben, sie trinken ihren Kaffe auf den Weg zur Arbeit oder zur Schule.

Football ist auch in Boston eine große Sache. Während des Spiels der Boston College gegen irgend jemanden anders waren die Straßen zum Stadion völlig verstopft, überall Polizei auf den Straßen und Flugzeuge mit Werbebannern kreisten über dem Stadion. Wie ich am nächsten Tag in der Zeitung lesen konnte, war es ein ruhiges Spiel. Die Boston College Polizei (!) teilte der Öffentlichkeit mit, daß es nach dem Spiel nur etwa zwanzig Festnahmen gab, während noch im letzten Jahr mehrere Hundert festgenommen wurden.

Eines Abends wurden wir zum Essen in einem Steakhouse eingeladen. Es gäbe dort das beste Steak an der gesamten Ostküste. Das Steakhaus lag direkt an der Autobahn und besaß einen Parkplatz für mehrere tausend Wagen und eine Weide mit lebensechten Plastikkühen. Am Eingang bekam man eine Nummer und durfte in eine riesige Bierbar. Dort wurde irgend eine amerikanische Form des Bingo gespielt, Bier getrunken und auf den Aufruf der Nummer gewartet. Nachdem unsere Nummern aufgerufen wurden, leitete man uns in einen Raum von den Außmaßen eines bayerischen Bierzeltes und wir durften an einem Tisch Platz nehmen. Ich rechnete nach: Mehrere Räume dieses Ausmaßes hatte ich gesehen, also insgesamt hatte dieses Steakhaus etwa tausend Tische, die mehrmals am Abend besetzt wurden. Aus allen Lautsprechern dröhnte Country-Musik. Man bekam riesige Steaks - wie immer in Amerika außen völlig verbrannt, dafür innen roh - und Bier. Und dann wußte ich, warum die amerikanische Zivilisation allen anderen voraus ist. Es gab Zahnstocher mit Pfefferminzgeschmack!

New Orleans

Wer je einmal die Notwendigkeit verspürt, sich den Jazz abgewöhnen zu müssen, der sollte nach New Orleans fahren. Von morgens bis in die Nacht, vom Frühstücksraum bis in die Hotelbar zum Late Night Drink dröhnt aus allen Lautsprechern Louis Armstrong und der Basin Street Blues.

Als wir in Boston erzählten, daß unser nächster Aufenthalt New Orleans sein werde, verdrehten unsere Gesprächspartner die Augen und deutetend wissend an: "New Orleans? Oh la la!" Ähnlich wurden in den fünfziger und sechziger Jahren in Deutschland Paris-Aufenthalte kommentiert. ("Das 'ab isch in Paris gelernt.") Und in der Tat, die Bourbon-Street ist eine Mischung aus Reeperbahn und Jazz-Meile. Überall wurden "topless Girls and bottomless Man" angepriesen.

Viele Häuser im French Quarter von New Orleans sind mit Balkonen ausgestattet, die wunderschöne, schmiedeeiserne Gitter haben. Überraschend daran ist jedoch, daß sie außerdem mit einer Reihe von Ventilatoren ausgestattet sind. Riesiege Deckenventilatoren, die wir in Europa meist mit Casablanca identifizieren, drehen sich Seite an Seite eher nutzlos in der feuchtschwülen Luft Lousinanas.

Der Mississippi in New Orleans enttäuscht. Er sieht aus wie der Rhein bei Duisburg. Jetzt weiß ich, warum Kenneth Spencer mit seinem "Ol' Man River" in den 50er Jahren im Rheinland die größten Erfolge feierte.

Lousiana ist nach dem "Sonnenkönig" Ludwig XIV. benannt, wie eine Tafel am Missisippi verkündigt: In Erinnerung an den "Roi Solei". Leider jedoch hielt sich die Stadt während meines Aufenthaltes nicht daran. Es regnete ununterbrochen.

Champaign-Urbana, Illinois

"From Hair to Eternity"
(Werbung eines Friseurs in Urbana)

Wer je einmal den unnötigen Drang in sich verspüren sollte, zu wissen wie die Hölle aussieht, für den ist Champaign-Urbana in Illinois der richtige Ort. Schon der Flug von Nahsville nach Champaign nachts bei Regen in einer winzigen Maschine hatte etwas von Dante an sich. Der Flughafen Champaigns war bei meiner Ankunft völlig menschenleer. Verloren standen die Fluggäste vor dem Gepäckband und warteten auf ihre Koffer. Das Ankunfstgebäude war neu, weiß getüncht und hell erleuchtet und in dem Stil gebaut, indem in Amerika auch die großen Shopping-Center errichtet sind.

Mein Cicerone war ein blonder, netter, strohdummer und aufrecht rechter Taxifahrer, der mir als erstes erklärte, daß "Nigger and Homosexuals" an Aids schuld seien, dann daß Champaign wegen der Studenten eine scheißliberale Stadt sei und drittens, als ob er nicht schon genug Beweise seiner Gesinnung gegeben hätte, daß er "right winged" sei. Armes Illinois. Was ist aus der Heimat Abraham Lincolns geworden?

Wer dies liest, dem wird ist schon klarer, warum ich weder in den Buchhandlungen in Boston noch in der Amerika-Gedenk-Bibliothek in Berlin irgendeinen Reiseführer über Champaign-Urbana gefunden habe. Doch daß es nicht einmal in den Buchläden in dieser Stadt selber - in den Regalen "Local Interest" - einen Führer über die Stadt gab (stattdessen wurden Chikago-Stadtführer angeboten), dies mag nicht nur einen Berliner (dessen heimatlichen Buchhandlungen nur so von Berlin-Büchern überquellen) verwundern. Selbst die kleinste italienschische Stadt (nur so als Beispiel) hat einen Stadtführer in den wichtigsten Fremdsprachen. Hier, "in the Heart of America" hingegen, muß der Kapitalismus kläglich versagt haben. Oder es zieht außer mir tatsächlich niemanden in diese "boring city".

Orange ist nicht die Farbe der Backzwang-Anhänger, sondern die der hiesigen Football-Mannschaft, die man ausgiebig zur Schau trägt. Es ist Sonnabend vormittag, kurz vor einem Football-Spiel und wie in "American Graffitti": Pickups fahren langsam durch die Straßen, die Boys und Girls sitzen auf der Ladefläche, "Hi" nach hier und "Hello" nach dort rufend. Irgendwann werden sie alle zum Stadion fahren und nach dem Spiel eine große Party feiern. Alle Bars haben es schon angekündigt: "Big Party after the Game!"

Abends und morgens ist das Licht über der Prairie tatsächlich genauso, wie auf den Bildern von Edgar Hopper. Der Morgen, an dem ich nach Deutschland zurückflog, zeigte die weite Ebene doch einmal in ihrem spröden Reiz. Von hellgelb über orange, lila, dunkelbau bis zu hellblau war der Himmel in all seinen Farben vertreten. Dieser Abschied versöhnte mich wieder mit Amerika.


Erstveröffentlichung: »Sylvester« 1994





Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:30:17 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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