Der Schockwellenreiter

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Leberecht Hühnchen – eine Steglitzer Idylle

»Der Weihnachtsmann hat mehr zu sagen,
als der König von Preußen.«

(H. Seidel)

»Leberecht Hühnchen gehörte zu den Bevorzugten, denen eine gütige Fee das beste Geschenk, die Kunst glücklich zu sein, auf die Wiege gelegt; er besaß die Gabe, aus allen Blumen, selbst aus den giftigen, Honig zu saugen. Ich erinnere mich nicht, daß ich ihn länger als fünf Minuten lang verstimmt gesehen hätte, dan brach der unversütliche Sonnenschein seines Innern siegreich wieder hervor, und er wußte auch die schlimmste Sache so zu drehen und zu wenden, daß ein Rosenschimmer aus ihr ausging.«

So stellt uns Heinrich Seidel den Protagonisten seiner erfolgreichsten Werke vor, den Wilhelminischen Kleinbürger Leberecht Hühnchen und sein betuliches und kauziges Glück. Leberecht Hühnchen wohnte dort, wo es damals viele Kleinbürger aus der lauten und hektischen Großstadt Berlin hingezogen hat, in Steglitz. Er bewohnt ein kleines Haus in der Albrecht-, Ecke Schützenstraße. Als Vorbild diente Seidel ein tatsächlich existierendes efeu- und weinumranktes Bauernhaus eines Freundes.

    Seidel wurde 1842 in Perlin in Mecklenburg als Pastorensohn geboren, wuchs in Schwerin auf und kam als junger Ingenieur Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nach Berlin. Die Familie der Seidels brachte noch weitere Schriftsteller hervor, die bekannteste davon ist Ina Seidel. Heinrich Seidel konstruierte die Überdachung des Anhalter Bahnhofs, bevor er sich endgültig voll der Schriftstellerei widmete. Dies geschah mehr aus Not heraus. In den Zeiten des technischen Umbruchs war der mehr handwerklich ausgebildete Ingenieur der Technikerschulen ncht mehr gefragt, Arbeit bekamen nur noch die akademisch ausgebildeten Ingenieure der neu gegründeten technischen Universitäten.

    Die ersten Erzählungen von Leberecht Hühnchen begründeten den Ruhm des Autors als Erzähler des Wilhelminischen Biedermeier und Protagonisten beschaulicher Idyllen. Doch selbst er konnte sich nicht ganz der Realität der Gründerjahre verschließen. »In den Straßenlärm hinein tönte überall schallendes Geräusch, und das dumpfe Pochen mächtiger Dampfhämmer erschütterte weithin den Boden, daß in den Wohnungen gegenüber die Fußböden zitterten, die Gläser klirrten und die Lampenkugeln klapperten. Zu gewissen Stunden war die Straße ein Flußbett mächtiger Ströme von schwarzen Arbeitern.« So schilderte Seidel die Gegend vor dem Oranienburger Tor, damals das Zentrum der Berliner Schwerindustrie, wo auch Borsig seinen Anfang nahm. Berlin wuchs immerhin von 1857 bis 1871 von 450.000 auf 800.00 Einwohner und war schon sieben Jahre später Millionenstadt. Und besonders die neu entstandene kleinbürgerliche Mittelschicht floh vor den gestiegenen Mietpreisen, dem Lärm und der Hektik in die Vorstädte entlang der Eisenbahnen. Der Bauboom machte auch vor Steglitz nicht halt. Zuerst noch betrachtet es Leberecht Hühnchen mit seinem sonnigen Gemüt. Als die ersten Mietskasernen in der Albrechtstraße aus dem Boden schießen, beschert ihn dies ein »astronomisches Wunder«: In den Flur fällt jetzt bei schönem Wetter der Sonnenschein auch von Norden, weil sich die Sonne in den Fenstern der Mietskasernen widerspiegelt. »Eine richtige Sonnendusche haben wir jetzt. Mich dünkt, die Wohnung hat unermeßlich gewonnen dadurch.«

    Doch die ersten Wolken ziehen über die Steglitzer Idylle: »Die Grundstücke hier in der Gegend sind durch die eingetretene Bausucht gewaltig im Preis gestiegen. Gestern war ein Bauunternehmer bei mir mit einem Burgundergesicht und drei Unterkinnen. Sein glattes Bäuchlein erschien mir wie ein Grabhügel von vielen Austern, Fasanen und Gänseleberpasteten und war geziert mit einer goldenen Uhrkette im Wert eines kleinen Bauerngutes. Er wollte mir mein Grundstück abkaufen und bot schließlich sechs mal mehr, als es mich, den Neubau miteingerechnet, im ganzen gekostet hat.« Doch noch widersteht Leberecht Hühnchen der Versuchung, es werden weiterhin Landpartien nach Tegel – damals noch ein winziges Fischerdorf – durchgeführt, Feste gefeiert und das kleine Glück geschildert. Doch als Großvater kann Hühnchen nicht mehr nein sagen: »Erstens, weil ich wie gesagt, nicht reich genung bin, um auf Gold wandeln zu dürfen; zweitens, weil ich ein schwacher Mensch bin und auf die Dauer den Verlockungen des Mammons nicht zu widerstehen vermag; drittens, weil ich Kinder habe, um derentwillen ich dies vorteilhafte Gebot nicht ausschlagen darf; und viertens, weil sie mich sonst einbauen werden.« Er verkauft und zeiht, genau wie sein Autor, nach Groß-Lichterfelde. Und die Albrecht-, Ecke Schützenstraße gewinnt ihr heutiges Aussehen.

    Heinrich Seidel hat noch weitere zahlreiche Idyllen und Erzählungen verfaßt. Doch keine andere ist so weit verbreitet gewesen, wie die von Leberecht Hühnchen, mit der der Autor Steglitz in ganz Deutschland bekannt gemacht hatte. Heinrich Seidel starb 1906 in seinem Wohnhaus in Groß-Lichterfelde, Boothstraße 30 (Gedenktafel) und wurde auf dem Friedhof Lichterfelde beerdigt, wo er noch heute an der Westmauer ein Ehrengrab hat.

    Die Geschichten um Leberecht Hühnchen sind im Insel-Verlag als Taschenbuch erschienen.


Erstveröffentlichung: 'die Zweitung', 18. Jahrgang, Feb. 1993


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Last update: 13.10.2002; 22:49:39 Uhr.
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