Der Schockwellenreiter

...hat gelesen.
Dandy, Dada, Dissident Mein Icon

Navigation:

 Startseite
 Seume
 Scheerbart
 Grosz
 Seidel
 VLP Preprint
 Edwards
 Das fliegende Schiff
 Mathemagie
 Mathematikbücher 2
 Drei Mathebücher
 Mathematikbücher 4
 Lingo
 Tkinter
 Python Cookbook
 Mozilla
 Impressum
 Schockwellenreiter

Dandy, Dada, Dissident

George Grosz zum hundertsten Geburtstag

»Deutsch sein heißt immer geschmacklos sein, dumm, häßlich, dich, unelastisch – heißt: mit 40 Jahren keine Leiter besteigen können, schlecht angezogen sein – deutsch sein heißt: reaktionär schlimmster Sorte, heißt: unter hundert wäscht sich mal einer den ganzen Körper...«
(George Grosz)

»Er stellt die Hölle dar, zu welcher die Erde geworden ist; die Welt in der wir leben. Mit der Genauigkeit und Geschicklichkeit des Chirurgen legt er die Scheußlichkeiten dieses Daseins bloß. Seine Zeichnungen werden bleiben. Sie werden einer glücklicheren Zeit eine Ahnung von dem Albdruck geben, unter dem die Menschen unserer Tage zu leiden hatten.«
(John Dos Passos über George Grosz)

George Grosz wurde vor ziemlich genau einhundert Jahren am 26. Juli 1893 in Berlin geboren. Damals hieß er noch, dem Wunsch der Eltern gemäß, Georg Ehrenfried Groß; erst 1916 anglisierte er seinen Namen. Ähnlich wie bei seinem Freund Heartfield (Herzfelde) war dies ein Protest gegen Deutschtümelei und Nationalismus. Er studierte zuerst an der Königlich Sächsischen Akademie der Künste in Dresden, dann, weil er als Preuße kein Stipendium in Sachsen erhalten konnte, an der Kunstakademie in Berlin. Hier bezog er 1912 seine erste Steglitzer Wohnung in Südende, Lichterfelder Straße 36. Und hier lernte er auch die ebenfalls in Südende wohnenden Brüder Herzfelde kennen: den oben schon erwähnten John Heartfield, mit dem er später viele Collagen und Fotomontagen zusammen gestaltete und Wieland Herzfelde, dem Gründer des Malik-Verlages. Von 1915 bis 1918 wohnte er in der Stephanstraße 15, bevor er dann Steglitz endgültig in Richtung Berlin verließ.

    Der erste Weltkrieg politisierte den bis dahin eher als Fin-de-Siècle-Dandy aufgefallenen Grosz. Er sah die Menschen, die damals begeistert durch die Straßen zogen, »als willenlos an, ausnahmslos gebannt vom Willen des Militärs.« Trotzdem meldete er sich 1914 freiwillig, weil er sowieso eingezogen würde und als Freiwilliger wenigstens die Wahl hatte, zu welchem REgiment er wolle. Wegen einer Krankheit wird er schon bald wieder als dienstuntauglich entlassen. Zu dieser Zeit ist er gegenüber den sich entwickelnden revolutionären Strömungen noch skeptisch: »Ich begann von revolutionären Strömungen zu hören, blieb aber skeptisch, man brauchte nur die S.P.D. anzusehen – große Menschheitsverbrüderung und Kriegskreditbewilligung...«

    Doch schon 1915 beginnt er zusammen mit den Brüdern Herzfelde, sich in der pazifistischen Arbeit zu engagieren. Gleichzeitig entwickelt sich der so typische Grosz-Stil in der Auffassung, daß der Irrsinn des krieges in der Kunst durch neue Mittel deutlich gemacht werden müsse. Es ist eine Antikunst, der Dada kündigt sich darin schon an. Und um 1916/17 entatnd die berühmte Zeichnung »KV«, schon ein Jahr, bevor Brecht seine »Legende vom toten Soldaten« veröffentlichte.

    Zur gleichen Zeit wurde Grosz erneut einberufen. Er wehrte sich in einem Anfall von Verzweiflung und sollte als Deserteur erschossen werden. Sein Mäzen, Graf Keßler, intervenierte (damals hatten Grafen noch soviel zu sagen, wie Lambsdorffs immer schon) mit dem Erfolg, daß Grosz begnadigt und in eine Anstalt für Kriegsirre gebracht wurde. Kurz darauf wurde er als »dauernd kriegsunbrauchbar« entlassen. Grosz selber glaubte jedoch nicht daran und lebte weiter in ständiger Furcht vor der erneuten Einberufung. Er arbeitete wie besessen, in dieser Zeit erschienen seine ersten Mappen im Malik-Verlag von Wieland Herzfelde.

    Gegen Ende des Krieges brachte Richard Huelsenbeck (auch ein Steglitzer) asu Zürich die Kunde vom »Cabaret Voltaire«, der Brutstätte des Dada. Nach der Kapitulation hielt der »Club Dada« in der Tribüne in Charlottenburg »Sonntagsmatineen« ab. Mehring und Grosz veranstalteten ein »Zwiegespräch zweier Greise hinter einem Ofenschirm« und ein »Wettrennen zwischen Nähmaschine und Schreibmaschine«. Wegen des erfolgreichen Skandals wurde die Veranstaltung wiederholt.

    Während der Novemberrevolution schlug sich Grosz zusammen mit anderen Künstlern auf die Seite der Spartakisten um Liebknecht und Luxemburg. Während dieser Zeit wird die Zeitschrift »Die Pleite« gegründet. Da mit mit einem Verbot rechnete, war von vorneherein die Schlagzeile »Die Pleite verboten!« mit eingeplant. Zuvor hatte der Kreis um Malik die Zeitschrift »Jedermann sein eigener Fußball« herausgegeben, in der Grosz und Heartfield die Fotomontage erstmalig bewußt zur politischen Agitation einsetzen.

    Während des Kapp-Putsches wurde während einer Schlacht zwischen demonstrierenden Arbeitern und Truppen der Reaktion in Dresden fast hundert Personen getötet und noch mehr verletzt. Und ein Gemälde von Rubens, »Bathseba am Springbrunnen«, dabei beschädigt. Daraufhin veröffentllichte Oskar Kokoschka einen Apell, Streitigkeiten in Zukunft nicht mehr vor dem Zwinger auszutragen. Die Bewahrung der heiligen Güter deutscher Nation seien wichtiger als die politischen Zwiste der Gegenwart. Dies provozierte einen wütenden Aufsatz »Der Kunstlump« von Grosz und Heartfield. Sie erboste insbesondere, daß Kokoschka Kunstwerke als die »heiligsten Güter der Nation« hinstellte. Gesundheit und Leben der arbeitenden Bevölkerung seien ihnen wichtiger: »Wir begrüßen mit Freude, daß die Kugeln in Galerien und Paläste, in die Meisterbilder der Rubens sausen, statt in die Häuser der Armen in den Armenvierteln.«

    Grosz veröffentlichte bis 1924 fast ausschließlich im Malik-Verlag, in dem fast alle seine Mappen und etliche Sammelbände erschienen sind. Daneben arbeitete er auch für das Theater (besonders für Piscators »Freie Volksbühne«), das Kabarett und für die Zeitschriften »Der Sturm«, »Die Aktion« und »Der Querschnitt«. Im Malik-Verlag erschien 1927 die Mappe »Hintergrund« mit der Zeichnung »Christus mit der Gasmaske«. Diese führte zu dem größten Gotteslästerungsprozeß der Weimarer Republik. Von April 1928 bis Oktober 1933 beschäftigten sich Richter und Staatsanwälte mit der Zeichnung, doch da war Grosz schon in den USA, in die er 1933, wenige Tage vor Hitlers Machtergreifung, auf Einladung der Art Students League in New York auswanderte.

    Grosz träumte schon als Kind einen Traum von Amerika. Für ihn war das immer eine bessere Welt gewesen, ene Welt, in der Ausbeutung und Unterdrückung nicht stattfanden. Deshalb wohl, und auch weil er in Europa, wie er schrieb, verloren hatte, war er zu der Überzeugung gelangt, daß die Karikatur nicht als Instrument für den Kampf um den Fortschritt taugte: »Ich hatte die erste Runde verloren, boxerisch gesprochen. Ich merkte, daß auf meine Zeichnungen einfach nicht gehört wurde. Meine Warnung war sozusagen eine Warnung in den Wind gewesen.« Außerdem mystifizierte er das Land seiner Träume. Er fand in Amerika den Menschentyp, den er haßte, nicht wieder. Er zeichnete Menschen, doch er sah keine preußischen Offiziere und Spießer mehr. Er fand ein bescheidenes Einkommen als Kunstlehrer, als Zeichner und Maler hingegen wurde er in den Staaten kaum gewürdigt. Seit 1941 arbeitete er an einer Autobiographie, die 1946 in Amerika und 1955 in Deutschland bei Rowohlt erscheint. In dieser gibt er sich seltsam abgeklärt und »weise«, seine kommunistische Zeit spielt er als Jugendsünde herunter. Man darf jedoch nicht vergessen, daß diese Autobiographie in der schlimmsten MacCarthy-Zeit erschien und Grosz damals noch in Amerika, immer noch das Land seiner Träume, bleiben wollte.

    Nach 1958 hielt es Grosz jedoch nicht mehr aus. Er übersiedelte heimwehkrank zurück nach (West-) Berlin, an den Savigny-Platz, der Wohnung seiner Schwiegereltern. Hier starb er am 6. Juli 1959 an einem Herzinfarkt. Doch der Zeichner, der den Untergang der bürgerlichen Kunst forderte, war schon früher vom Exil besiegt, von der Reaktion gemordet worden.

    Grosz erhielt ein Ehrengrab auf dem städtischen Friedhof an der Heerstraße. Bis vor kurzem war es völlig verwahrlost. In Steglitz erinnert bis heute noch keine Gedenktafel daran, daß Grosz hier gelebt und gearbeitet hat.


Erstveröffentlichung: 'die Zweitung', 18. Jahrgang, August 1993


Mein Icon © Copyright 2000 - 2002: Jörg Kantel.
Last update: 13.10.2002; 22:49:32 Uhr.
This site is edited with Radio UserLand, the first personal Web Application server for Windows and Macintosh.  Let iCab smile  Site Meter