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Die Berliner Piraten und die Esoterik

Da bauschen die Medien den Kampf der Berliner Piratenpartei gegen einen dummen Schüler auf, dabei gibt es — wie man bei Florian Freistetter nachlesen kann — viel Bedenklicheres zu berichten. Die Berliner Fraktionsgeschäftsführerin der Piraten, Daniela Scherler, gibt nämlich esoterische Seminare und hat über darüber auch ein Buch geschroben. So weit, so schlecht. Daß die Dummheit der Menschen die größte Kapitalanlage des Universums sei, hatte schon mein Lehrherr versucht, uns Stiften einzutrichtern. Aber daß diese Dame dann ausgerechnet einen Posten in der Piratenpartei bekleiden muß … Aber es kommt noch schlimmer:

Frau Scherler ist Politikwissenschaftlerin und keine Ärztin. Trotzdem äußert sie sich in ihrem Buch zu Krankheiten. Sie hängt dabei der aus meiner Sicht extrem ekelhaften Weltsicht an, die Kranken selbst die Schuld an ihrer Krankheit gibt. Wer Krebs oder AIDS hat, war einfach geistig nicht gut genug drauf. Krankheiten sind ihrer Meinung nach die »Quittung für (falsches) Projektionsverhalten«. Wer unter AIDS oder Krebs leidet, muß nur die »Urprinzipien Pluto und Neptun« integrieren (oder Jupiter bei Krebs) und alles wird gut.

Als jemand, der vor Jahren selber krebskrank war (und dank der vielge­schmähten Schulmedizin überlebte) fühle ich mich von Frau Schmerler persönlich beleidigt — sofern diese Dame mit ihrem rassistisch-esoterischem Geschwurbel überhaupt satisfactionsfähig ist. Aber ihr Weltbild ist nicht nur widerlich, sondern auch extrem gefährlich:

Frau Scherler empfiehlt zum Beispiel des öfteren die Bücher von Rüdiger Dahlke, Anhänger der »Germanischen Neuen Medizin«. Solche extremen pseudomedizinischen Strömungen können großen Schaden anrichten, wenn sie verzweifelten, kranken Menschen erklären, Krebs oder AIDS wären nur Erfindungen der bösen »Schulmedizin« und können durch die »richtige« Therapie »geheilt« werden. So können wichtige, echte und wirksame Therapien verzögert oder gleich verhindert werden und Menschen sterben, die bei rechtzeitiger Behandlung durchaus überleben hätten können. Solche pseudomedizinischen Systeme zu propagieren ist unverantwortlich.

Okay, eigentlich könnte es mir egal sein, welche seltsamen Personen die Berliner Piraten beschäftigen und Dummheit ist in Deutschland im Allgemeinen nicht strafbar. Aber ich habe die Wahl der Berliner Piraten empfohlen und daher ist es mir doch nicht gleichgülitg. Denn ein wenig fühle ich mich verarscht. Auf Wahlplakaten die Säkularisierung fordern, aber gleichzeitig solch eine gefährliche Esoterik-Dame an herausragender Stelle zu beschäftigen, das geht nicht …

Frau Scherler war übrigens vor ihrem Eintritt bei den Berliner Piraten als »Referentin für Gesundheitspolitik« der FDP-Fraktion schon einmal im Berliner Abgeordnetenhaus tätig und hat sich da unter anderem um »Pyramidenenergie« gekümmert. Aha! [Astrodicticum Simplex]

[Update]: Und die Berliner Piratenfraktion stört es nicht weiter, daß ihre Fraktions­geschäftsführerin in ihrer Freizeit Menschen verachtenden, gefährlichen Schwachfug verbreitet. [Mario Sixtus via Fatzebuch.]

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11 Kommentare

  1. Das derzeit zu viele ESO Spinner in die Piratenpartei kommen ist leider eine Tatsache. Ich denke da muss sich die Partei dringend dagegen abgrenzen indem man sich schon im Grundsatzprogramm klar zur wissenschaftlichen Medizin ebkennt und klare Position gegen jedwede Pseudowissenschaften bezieht. Das dürfte hoffentlich Solche Idioten in Zukunft davon abschrecken irgendwie in der Partei aktiv zu werden, hoffe ich jedenfalls.

  2. Michael Stehmann sagt:

    Glaube oder Aberglaube – tertium non datur.

  3. Franky sagt:

    Da lohnt auch immer ein Blick in die Esowatch Datenbank…..

    http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Daniela_Scherler

    Die hat wohl noch nie etwas über Hiob gelesen das Nixschnallchen!

    Liebe Grüße,

  4. [...] Piraten ergibt sich imho ja aus ihrer unklaren politischen Verortung. Nur so können Menschen, wie Daniela Scherler, die Partei in Bredoullie bringen, weil sie vielleicht zu Neztthemen eine adäquate Haltung hat, zu [...]

  5. [...] http://www.schockwellenreiter.de/blog/2011/12/16/die-berliner-piraten-und-die-esoterik/ Tweet Moarrrr…!!! Argh!!! Norglftmn!!!! Die Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus Berlin hat da einen wunderbaren Sprung ins Fettnäpfchen gewagt und eine Person als Fraktionsgeschäftsführerin (FGF) eingestellt, die – freundlich gesagt – umstritten ist. Als sich die gute Frau, die angeblich 40 Tage ohne feste Nahrung und ohne Wasser überleben kann und außerdem bewusstseinserweiternde Seminare anbietet, September 2005 von … [...]

  6. Hegewisch sagt:

    Danke für den Eintrag – mit der FDP-Referent ist mir jedenfalls klar, wieso sie überhaupt den Job bekommen hat…

  7. Roland i. s. S. sagt:

    Ich merke immer wieder, dass ich nicht von hier weggehen sollte. Was sich hier an Kommentaren findet, spiegelt die ganze Misere an geistigem D……..ß wieder. Schließlich fühle ich mich verantwortlich, Euch ab und an Fakten um die Ohren zu hauen. Immer dieses draufkloppen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Das lenkt dann ungemein davon ab, nicht vorher das Hirn eingeschaltet zu haben. Wie ich zu den Parteien insgesamt stehe, dürfte bekannt sein. Vor allem, dass sie alle verboten gehörten. Das würde sich schon erledigen, wenn endlich Artikel 146 GG umgesetzt würde. Und das fürchten die mehr, als der Teufel das Weihwasser. Und was der Umgang mit Netzthemen angeht, da seid Ihr nicht besser als die Internetausdrucker. Schließlich steht für mich das Allgemeinwohl der Menschen an erster Stelle und da kacke ich drauf, ob sich einer in bit und Byte auskennt. Was immer das heißen mag, sich auszukennen. Es gibt Wichtigeres!

  8. Tilman sagt:

    Ich verstehe nicht, dass diese Name nicht bei den Grünen eingetreten ist. Da würde sie doch viel besser reinpassen.

  9. Timbuk2 sagt:

    Ziemlich lustiger Artikel. Liest sich ein ein wenig wie B*ld-Zeitung. Hurra, wir haben eine neue Headline! ;-) Du zitierst:

    “Frau Scherler ist Politikwissenschaftlerin und keine Ärztin. Trotzdem äußert sie sich in ihrem Buch zu Krankheiten. Sie hängt dabei der aus meiner Sicht extrem ekelhaften Weltsicht an, die Kranken selbst die Schuld an ihrer Krankheit gibt.”

    …selbst schuld… so, so…

    …und weiter

    “Frau Scherler empfiehlt zum Beispiel des öfteren die Bücher von Rüdiger Dahlke, Anhänger der »Germanischen Neuen Medizin«. Solche extremen pseudomedizinischen Strömungen können großen Schaden anrichten,…”

    Jetzt wusste ich gar nicht, dass Dahlke der GNM anhängt. Ist das so? Oder schreibst Du nur ab?

    Noch besser: Die Quelle des von Dir zitierten Ejakulats ist – nein, kein Arzt, der kompetent ist, “Pseudomedizin zu beurteilen” – sondern Florian Freistetter, ein Astronom (sic!) und selbsternannter medizinischer Hobbysachverständiger, der einer Politwissenschaftlerin sagen will, dass sie keine Ärztin ist. Wirklich spannend. Was soll das eigentlich?

  10. Bestenfalls könnte man die Anstellung von Frau Scherler als unglücklich bewerten, schlimmstenfalls vermuten, dass sie ihre merkwürdige Ideologie ins Parteiprogramm der Piraten tragen würde. Letzteres ist sinnfrei, wenn man berücksichtigt, wie bei den Piraten Programmänderungen vollzogen werden und wie die absolute Mehrheit der Parteimitglieder über derartigen Unfug denkt. So ziemlich jeder, der glaubt, etwas Geistreiches zur Fehlbesetzung im Sekretariat der Berliner Piraten beisteuern zu müssen, hat es bestimmt getan. Soll man die Frau nun mit Teer übergießen und mit Federn bestreuen und durch die Flure des Gebäudes peitschen? Verbal hat man es ja längst getan. Auge um Auge, Gleiches mit Gleichen uns so weiter und so fort…
    Man darf es als Fehler der Berliner Piratenfraktion wahrnehmen, ein Fernurteil fällen zu dürfen, halte ich für unangemessen. Wechselt man für einen Moment die Perspektive, gäbe es einiges zu bemängeln, was beim Bestetzen von Beamten- und Behördenstellen in unserer Republik schief läuft. Ein Lehrer hat mir mal erklärt, dass es für die Laufbahn vorteilhaft sei, das richtige Parteibuch untern Arm spazieren zu führen. Meine amateurhaften Recherchen könnten derlei Dinge auch anderswo bestätigen. Kurioserweise nimmt man diese korrupten Klüngelspiele als von Gott gegeben hin. Wenn etwas lange genug falsch gemacht wird, gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Frau Scherler bringt eine erfrischende Komponente in dieses absonderliche Vergabesystem ein, dass es sich wieder lohnt, dagegen zu wettern. Ich würde es begrüßen, man würde alle Stellenausschreibungen und die anschließenden Besetzungen in gleichem Maße angehen. Übrigens, ich hätte Frau Scherler auch nicht eingestellt, wenn mir ihre Parallelwelt zuvor bekannt gewesen wäre. Nach der vollzogenen Einstellung hingegen würde ich mich auch schwer tun, die privaten Umtriebe der Frau Scherler als Kündigungsgrund angeben zu wollen…

    Besinnliche Weihnachten, J.D.

  11. anue sagt:

    Wie im Bericht und an den Kommentaren zu ersehen ist, sind ein paar Prinzipien der Piraten noch nicht bis zu jedem durchgedrungen. Die Piratenpartei vertritt die Meinung, die auf Parteitagen/Mitgliederversammlungen mehrheitlich beschlossen wird. Ich empfehle hierzu Satzung, Partei- und Wahlprogramm sowie Positionspapiere zu lesen. Wer unüberprüft etwas glaubt, das irgendein Blogger bzw. die Vertreter des Kampagnen- und Krawalljournalismus über die Piratenpartei sagt, ist noch naiver, als die Berliner Piraten, die Frau Scherler eingestellt haben, ohne all ihre Veröffentlichungen zu lesen (bzw. zumindest von einer Vertrauensperson lesen zu lassen).
    Prinzipiell darf jeder bei den Piraten so bekloppt sein, wie er oder sie will. Solange diese Privatmeinungen nicht als Parteimeinungen geäussert werden und solange diese nicht Satzung/Programmen/Positionspapieren widersprechen, ist das “der Partei” auch egal.
    Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es hunderte von Spinnern bei den Piraten gibt. Es ist mir aber relativ egal, da diese Menschen relativ isoliert sind, d.h. ihre Meinung hat keinen Effekt auf die Meinung der Mehrheit der Piraten. Auf Neudeutsch nennt man das “Schwarmintelligenz”.
    Daher denke ich auch, dass die meisten Piraten die Meinung von Frau Scherler ablehnen, und die meisten Piraten hätten Frau Scherler in Kenntnis ihre Veröffentlichungen wohl auch nicht eingestellt. Nun ist es passiert, sie hat ein administratives und kein politisches Amt, und sie stellt ihre persönliche Meinung nicht als Parteimeinung dar. Daher interessiert es mich als Piraten auch nicht weiter, auch wenn ich als Privatmensch ihre Veröffentlichungen ablehne. Soviel Freiheit muss man ertragen können.
    Dem Schockwellenreiter möchte ich empfehlen, auch wenn er persönlich betroffen ist, dem Krawall- und Kampagnenjournalismus nicht die Arbeit abzunehmen, besser zu recherchieren und etwas überlegter zu veröffentlichen. Säkularisierung bedeutet übrigens nicht, dass man Gläubige daran hindert, eine öffentliche Funktion auszuüben. Egal wie bescheuert oder sogar gefährlich dieser Glaube nach eigenem Ermessen auch sein mag.

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