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Peter Damerow (1939-2011)

Peter Damerow, März 2010 — Photo (cc): Jörg Kantel

Heute früh erreichte mich die traurige Nachricht, daß mein Lehrer, Kollege und Freund Peter Damerow letzte Nacht an den Folgen einer heimtückischen Krankheit gestorben ist. Er hatte über Jahre bis zum Schluß gegen diese Krankheit angekämpft und weiter mit uns zusammen gearbeitet und auch gefeiert, als wäre nichts, obwohl er genau wußte, daß er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Peter war ein »fanatischer Wissenschaftler« (so hat er sich selber charakterisiert), der nichts ungeprüft und unhinterfragt lassen konnte. Bei Gesprächen mit ihm zückte er gerne sein iPhone, um eine soeben aufgestellte Behauptung im Netz, speziell in der Wikipedia, nachzuprüfen. Er war getrieben von unserer gemeinsamen Vision von einem »Web des Wissens«, und er hasste sowohl Paßwörter wie auch Copyright- und Urheberrechtsbe­stim­mungen, weil sie seiner Meinung nach den Zugang zum Wissen behinderten.

Ich hatte Anfang der 1980er Jahre bei Peter Damerow studiert. Das Buch Rechen­stein, Experiment, Sprache (Amazon-Link), eine marxistische Begründung der Mathematikge­schichte, die er zusammen mit Wolfgang Lefèvre verfaßt hatte, hatte mich zu den Beiden geführt. Er kam — wie auch ich — vom »Zweiten Bildungsweg« und wußte daher vom Klassencharakter der Bildung, wie schwer der Zugang für Arbeiterkinder zum Wissen war. Das war einer der Gründe, warum er sich mit der Didaktik der Mathematik beschäftigte. Und schon damals war er von den Möglichkeiten der EDV fasziniert. Er sah darin eine große Chance, wie sich Wissenschaft, auch Geisteswissenschaft, verändern könnte. Statt an einer einzelnen Quelle zu arbeiten, konnte man nun Hunderte oder Tausende von Quellen miteinander vergleichen. Sein Lieblingswerkzeug dafür waren Regular Expressions. Seine Projekte waren dadurch fast immer riesengroß und unhand­lich, aber eben auch genial.

Als ich nach einem elfjährigen Intermezzo in der Industrie 1994 beim Institut anfing, kamen wir wieder zusammen und arbeiteten an vielen gemeinsamen Projekten. Damals wurde die Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI) aus der Taufe gehoben und erste Digitalisierungsvorhaben im Web angestoßen. Peter war der Nestor hinter vielen dieser Projekte, wie z.B. ECHO und Archimedes. Zuletzt hatten wir gemeinsam an den 3D-Scans von Keilschrifttafeln (hier ein Zwischen­be­richt) und der Edition Open Access gearbeitet.

Peter Damerow war nicht nur mein Lehrer und mein Freund. Er war auch in vielen Dingen ein unerreichtes Vorbild, dem ich auch in Zukunft nacheifern werde. Adieu Peter, wir, Deine Kollegen und Freunde am Institut und in aller Welt, werden Dich vermissen.

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Ein Kommentar

  1. [...] das Institut trauert um Peter Damerow und hat eine Erinnerungs-Website mit einer schönen Biographie (geschrieben von Jürgen Renn), [...]