Der Schockwellenreiter Rotating Header Image

Sudan-Mission: 1. Eindrücke

[Vorbemerkung]: Ein Freund von mir, ein erfahrener Entwicklungshelfer, der schon seit Jahrzehnten in Afrika lebt, aber auch schon in den diversen Krisen­gebieten Asiens für internationale Hilfsorganisationen gearbeitet hat, ist in diesem Jahr in den Sudan gegangen. Erst nach Khartoum, später soll es in den Südsudan gehen, wo er beim Aufbau des neuen Staates helfen soll. Ich fand das spannend und hatte ihn bei seinem letzten Deutschlandbesuch gefragt, ob er nicht für den Schockwellenreiter regelmäßige Berichte schreiben möchte. Erfreulicherweise hat er zugesagt. Und hier ist daher sein erster Bericht.

Die Photos sind dieses Mal alle noch aus den Wikimedia Commons zusammenge­klau(b)t, da im Sudan das Photographieren ohne eine gesonderte Photographier-Erlaubnis streng verboten ist. Günther hat aber ein solches »Permit« beantragt und so hoffen wir, daß es bald aktuelle Photos aus dem Sudan geben wird.

Das Goethe-Institut in Karthoum

Im Juni 2011 hatte ich mich dazu entschlossen, für eine internationale Hilfsor­ga­nisation in den Sudan zu gehen und dort im Rahmen der interna­tionalen Zusammenarbeit tätig zu werden. Der Vertrag wurde vorerst auf ein Jahr abgeschlossen, mit der Option einer Verlängerung. Ich hatte bereits in verschiedenen Ländern dieser Welt gearbeitet, habe aber nie über meine Erlebnisse berichtet. Schon vor einiger Zeit bat mich mein alter Freund Jörg, doch mal etwas zu schreiben über die Länder, in denen ich zeitweilig lebe. Einen quasi etwas anderen Reisebericht, der über das »normale« Touristen­wissen hinausgeht.

Ich bin am 12. August 2011 um 1:30 Uhr am Airport Khartoum angekommen. Der Flughafen war ein rechteckiger Betonklotz, der wohl schon bessere Zeiten gesehen hat. Früher mal weiß gewesen, sieht er heute eher staubig-grau aus. Ein Bus brachte die Passagiere vom Flugzeug zur Wartehalle mit den Abfertigungsschaltern zur Einreise. Das Bild, das man vom Airport außen hatte, wurde innen nicht besser. Ich gesellte mich zu der Gruppe vor dem Schalter »International«. Dort saß ein großer, abwesend wirkender Zöllner mit aufgestützten Armen und gegen das Kinn gepreßter Faust. Er beobachtete den neben ihm sitzenden Kollegen beim Sortieren von irgendwelchen Dokumenten, ohne dabei besonderes Interesse an den Tag zu legen, weil sich sonst nichts Überraschendes tat. Irgendwann (so nach ca. 5-8 Minuten) entschied er sich, das zu tun wofür er bezahlt wird und gab dem ersten in unserer Reihe einen kurzen Wink. Die Paßkontrolle verlief schleppend aber letztendlich kam ich durch.

Bei der Gepäckausgabe erwartete mich ein kleines Chaos. Es gab verschiedene Bänder aber keinerlei Information, auf welchem Band die Koffer für welchen Flug ankamen. Man muß sich das etwa so vorstellen: Sobald ein Band anlief, stürzte alles herbei um nach dem eigenen Gepäck zu suchen. Falls ein neues Band in Betrieb gesetzt wurde, lief man zu diesem. Erinnert einen irgendwie an die »Ferien des Messieur Hulot« (die Szene mit den ankommenden Zügen auf dem Bahnhof) mit Jacques Tati. Aber letztendlich bekam ich meine beiden Koffer von irgendeinem Band. Dann durfte ich auch noch zum Koffer-Check. Hat wohl etwas damit zu tun, daß ich aus Istambul kam und von dort oft »Verbotenes« mitgebracht wird. Ich war aber »clean«. Der Airport Khartoum liegt übrigens mitten in der Stadt, was man auch nicht alle Tage sieht. Daran mußte ich mich auch erst mal gewöhnen, vor allem wenn man mit dem Auto in Nähe der Einflugschneise fährt und man plötzlich in etwa 20 Metern Höhe von einer Boeing überflogen wird.

Ich hatte meine Kollegin von meiner Ankunft in Khartoum informiert und hoffte, daß sie da ist, da mein Flug keine wesentliche Verspätung hatte. Denn im Außenbereich der Ankunftshalle für internationale Flüge gibt es keinerlei Informationen, weder Tafeln noch Infostände. Man kann also nie wissen, ob ein Flug später kommt oder ob er überhaupt irgendwann kommt. Aber es klappte diesmal alles gut, meine Kollegin war da und brachte mich zum Gästehaus. Dieses sollte also meine Unterkunft für die Zeit sein, in der ich in Karthoum weilte. Es war sicherlich für sudanesische Verhältnisse luxuriös eingereichtet, war möbliert und alle Zimmer hatten Klimaanlagen (AC’s). Allerdings hatte das Haus, wie viele Häuser in heißen Gegenden, keinerlei Wärmedämmung, so daß man nachts froh sein kann, wenn es die AC schafft, die Temperaturen unter die 30 Grad Grenze zu drücken. Die Wände heizen sich während des Tages auf, so daß das Haus in der heißesten Jahreszeit einer Art von Backofen gleichkommt.

Freitag Nachmittag in Karthoum

Mein Ankunftstag fiel auf einen Freitag, wo ohnehin nicht gearbeitet wird, da es sich um eine Islamische Republik (Sudan) handelt. Außerdem sind gerade die letzten Tage des Ramadan, d.h. das gesellschaftliche Treiben auf den Straßen und den Restaurants hält sich in Grenzen. Nachts ist es dafür um so lauter, da der Muezzin 24 Stunden am Tag zu Gebeten aufruft, und dabei keinen Unterschied zu Tag oder Nacht macht. Außerhalb des Ramadans ruft er immerhin noch fünf mal täglich. Einige Kollegen richten sich deshalb bei der Suche einer geeigneten Unterkunft auch nach der Entfernung zur nächsten Moschee.

Eselskarren gehören zum Stadtbild

Wie soll man sich Khartoum vorstellen? Es ist heiß, im Sommer bis 50 Grad, im Winter ist es etwas kühler, so zwischen 30 und 35 Grad, und staubig. Hin und wieder kommt es zu Sandstürmen (was dann weniger angenehm ist). Khartoum liegt am Zusammenfluß des Weißen und des Blauen Nils, was der Stadt einen etwas grünen Anstrich verleihen soll (lt. Reiseführer), wovon man aber im Sommer nichts sieht. Es fällt auf, daß an vielen Stellen gebaut wird. Aber der erste Eindruck täuscht, denn die Stadt ist übersäht von nie fertiggestellten Gebäuden. In der Innenstadt sind viele Nebenstraßen schlichte Sandwege. Im Straßenverkehr sieht man Kraftfahrzeuge der letzten Jahrzehnte, die sich die Straßen mit Eselskarren teilen. Das Stadtzentrum ist ein heruntergekommenes Viertel, in dem allenfalls Straßenhändler am Tag für etwas Leben sorgen, abends ist dort alles tot. Vielen Gebäuden sieht man an, daß sie vor sehr langer Zeit mal bessere Zeiten gesehen haben. Wenigstens etwas Leben herrscht in der Gegend um den in der Innenstadt gelegenen Flughafen, aber weit entfernt von einem Vergleich mit einer europäischen Großstadt. Selbst die Promenade am Nil mit ihrem Baumbestand wirkt heruntergekommen mit ihren nichtbenutzten Bootsanlegern, langweiligen Cafés und Müllhalden. Ich werde in den nächsten Wochen versuchen, mal auf die andere Seite des Nils zu fahren und mir das alte Khartoum mit den vielen Kleinhändlern anzusehen. Vielleicht revidiert dies ja meinen ersten Eindruck von Khartoum.

Auf einem Bazar

Ausländer gehören durch die Vielzahl von UN-Organisationen und Hilfsorga­nisationen zum Stadtbild und leben alle im Zentrum der Hauptstadt und bilden dort eine internationale Gemeinschaft. Möglichkeiten zur Freizeitgesellschaft im westlichen Sinne bestehen kaum. Es gibt einen Golfclub (der seit Jahren im Bau ist), eine Pferderennbahn (die von Joggern benutzt wird) und einige Swimmingpools, die zu den Hotels gehören und deswegen teuer sind und nichts besonderes bieten. Einige wenige nichtsudanesische Restaurants sind entsprechend hergerichtet, daß man dort auf Ausländer trifft, dürfen aber wegen des generellem Alkoholverbots keine alkoholischen Getränke ausschenken. Selbst alkoholfreies Bier findet man höchst selten. Allein die Tatsache, daß das bekannteste unter Ihnen, das »Café Ozone« inmitten eines vielbefahrenen Kreisverkehrs liegt, zeigt schon, wie eingeschränkt das Angebot ist.

Dann gibt es noch die drei Kulturzentren (Deutsch, British, Französisch), die hin und wieder Filmabende oder Ausstellungen anbieten, drei verstaubte Museen, die über die Geschichte Sudans informieren, das »Derwisch« Tanzen, das Nuba-Ringen und drei Fußballmannschaften. Das war’s, was Ausländern Abwechslung bietet.

Daraus folgt, daß das gesellschaftliche Lebens westlicher Ausländer oft privat organisiert wird. Die britische, amerikanische und deutsche Botschaft veranstalten Begegnungsabende, die regen Zulauf haben. Allerdings bleibt die Zahl der Anwesenden recht überschaubar, denn die internationale Gemeinschaft in Karthoum ist begrenzt. [Günther Krone]

Teilen:
  • Facebook
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MySpace
  • PDF
  • RSS
  • Technorati
  • email
  • Wikio
  • Digg
  • Identi.ca
  • MisterWong.DE
  • Posterous
  • Twitter
  • Print
  • Yigg
  • LinkedIn
  • FriendFeed
  • Tumblr

4 Kommentare

  1. Schneider sagt:

    Der Bericht ist wirklich sehr gut gelungen. Ein interessanter und vorallem sehr informativer Bericht, der die ersten Eindrücke wiedergibt.

  2. rappel sagt:

    Sehe ich auch so. Wann dürfen wir mit einer Fortsetzung rechnen?

  3. [...] Thema interessiert mich sehr, von daher bin ich auf die Fortsetzung der ersten Eindrücke dieser Sudan-Mission äußerst [...]

  4. [...] regelmäßige Berichte schreiben möchte. Erfreulicherweise hat er zugesagt. Nach seinen ersten Eindrücken hier nun ein zweiter Bericht aus Khartoum, ab sofort auch mit eigenen [...]

Einen Kommentar verfassen

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, daß der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluß aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder sonst weitergegeben.