Der Schockwellenreiter Rotating Header Image

Dumm wie Boironstroh

F. A. Maulpertsch: Quacksalber auf dem Markt (vor 1785)

Die französische Homöopathiefirma Boiron verdient ihr Geld durch den Verkauf von obskuren Placebos. Das hören die Manager dort aber nicht gerne. Deswegen drohen sie einem italienischen Blogger, der sich über ihre Quacksalberei lustig gemacht hat, mit einer Klage. Für die weiteren Details zitiere auch ich einfach einmal EsoWatch in (fast) voller Länge (da sie so nett darum gebeten haben):

Wieder ist ein Blogger unter Beschuß, diesmal von der multinationalen Firma Boiron, dem weltweit größten Hersteller homöopathischer Produkte. Dieser hat den Blogger mit Klage bedroht. [...] Der italienische Blogger Samuele Riva hat im Juli zwei Artikel (1 und 2) online gestellt, in denen er die Zuckerkügelchen mit dem Namen Oscillococcinum C200 auf die Schippe nimmt. Oscillococcinum wird als Grippemittel beworben und ist in den USA das meistverkaufte homöopathische Mittelchen. Und jetzt haltet euch fest, das Zeug, das einen Umsatz von 20 Millionen Dollar macht, wird aus Entenleber hergestellt. Also wenn das nicht Quack, Quack, Quacksalberei in Hochpotenz ist …

Naja, das Schöne ist, bei C200 mußte vermutlich nicht einmal eine Ente dran glauben. Man nimmt einfach ein Tröpfchen aus einem See, über den mal eine Ente geflogen ist. Im Mittelalter oder so.

Nun, jedenfalls witzelte Samuele darüber, daß kein einziges Molekül von der Ursprungssubstanz mehr drin sein könne. Zur Erinnerung: C200 bedeutet, in einer Verdünnung von 1:10^400. Das sind 400 Nullen! Unser ganzes Universum besteht schätzungsweise aus 10^78 Molekülen. Selbst wenn man kein Stück Leber, sondern unser ganzes Universum verdünnt hätte, wäre schon ganz lange nichts mehr übrig gewesen.

Ist ungefähr so, als wollte man 1 Bonbon unter 10 Leuten aufteilen. Nur sind es nicht 10 Leute oder 100 oder gar 6 Millarden (6*10^9), sondern viel, viel mehr. Selbst wenn man jedes Sonnensystem und jeden Planeten im ganzen Universum mit Milliarden Menschen besiedeln würde, würde dieses Bonbon noch immer reichen müssen.

Boiron reagierte nicht sehr amüsiert darüber, daß jemand Fakten über ihr Produkt schreibt und drohte sofort mit Klage. Ein Brief ging an den Internetprovider mit der Beschwerde, daß die Artikel und Überschriften »untrue and derogatory both of homeopathy and [the] company« seien und den Ruf der Firma beschädigen.

Nun, damit haben sie jedenfalls eines erreicht: Zu den 150 Leuten, die den Blogbeitrag in den ersten 56 Stunden gelesen haben, haben sich nun einige mehr gesellt und mit diesem Blog hier hoffentlich noch weitere! Über 100 Seiten im Internet, darunter auch das British Medical Journal haben schon berichtet. Je mehr Support dieser Blogger erhält, je mehr Wellen das ganze schlägt desto besser.

Wir von Esowatch bitten daher alle, die dies lesen, sich schamlos bei uns zu bedienen! Bloggt das auch, nehmt die Info von uns, zitiert uns oder zitiert uns nicht, uns ist eines wichtig: Dieser Angriff auf die Redefreiheit und Wissenschaft, auf Wahrheit und Fakten darf nicht durchgehen!

Und gleichzeitig möchten wir Cheerleader für die kommende Klage gegen Boiron spielen und hoffen, daß dieser Prozeß verhandelt wird!

Verbreitet diese Meldung weiter und hofft mit mir auf den Streisand-Effekt. [Science Blogs: Kritisch gedacht]

[Update]: Jetzt ist Boiron BoingBoing. Mehr Streusand geht nicht. ;)

Teilen:
  • Facebook
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MySpace
  • PDF
  • RSS
  • Technorati
  • email
  • Wikio
  • Digg
  • Identi.ca
  • MisterWong.DE
  • Posterous
  • Twitter
  • Print
  • Yigg
  • LinkedIn
  • FriendFeed
  • Tumblr

7 Kommentare

  1. [...] beteilige ich mich gerne, hier einen kleinen Streisand-Effekt aufzubauen, wie es andere schon getan [...]

  2. EHBB-Blog sagt:

    Dumm wie Boironstroh…

    Schon mal was von der Firma Boiron gehört? Die französische Homöopathiefirma verdient ihr Geld durch den Verkauf von obskuren Placebos. Der EsoWatchBlog berichtet heute darüber, dass diese Pillendreher einem italienischen Blogger, der sich über die ……

  3. Andi sagt:

    Naja… Seitdem bekannt ist das auf 5000 Liter Hühnersuppe nur ein Huhn kommt können wir uns zumindest sicher sein das es nicht all zu schädlich ist ( http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,779044,00.html ). Die Variante auf Basis von Alkohol mal ausgenommen.

  4. [...] “Dumm wie Boironstroh” – Der Schockwellenreiter berichtet über eine Firma die einen Blogger wegen seiner Meinung zu ihren homöopathischen Mitteln abmahnen will und dabei einen ganz und gar nicht homöopathischen Streisand-Effekt auslöst. [...]

  5. Ben Goldacre hat in einem Buch “Bad Science” das Thema statistisch sehr schön aufbereitet :

    “Time after time, properly conducted scientific studies have proved that homeopathic remedies work no better than simple placebos. So why do so many sensible people swear by them? And why do homeopaths believe they are victims of a smear campaign? Ben Goldacre follows a trail of fudged statistics, bogus surveys and widespread self-deception.”
    http://www.guardian.co.uk/science/2007/nov/16/sciencenews.g2

    (Zu deutsch “Die Wissenschaftslüge: Wie uns Pseudo-Wissenschaftler das Leben schwer machen” – kenne aber nur das original, weiss also nicht wie gut die Übersetzung gelungen ist) Nicht von ihm, aber witzigerweise von amazon im gleichen Zusammenhang empfohlen ;) “Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren: Anleitung zum subversiven Denken” (Hubert Schleichert)

  6. Ein interessantes Zitat aus meinem Buch über Medizin und Paramedizin:
    Homöopathie – die heilsame Lüge
    Die Homöopathie ist eine Heilmethode, die zweifellos „wirkt”. Ebenso zweifellos entbehrt sie jeglicher wissenschaftlichen Logik und die homöopathischen Mittel haben keine über den (allerdings erheblichen) Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung. Der „Erfinder“ dieser Phantasie-Konstruktion (man kann nicht von einem „Entdecker“ sprechen) Samuel Hahnemann hat in rührender Umtriebigkeit ein System entwickelt, das fünf Voraussetzungen zur Basis hatte:

    Erstens: Krankheit und Heilung sind immaterielle Prozesse (Vitalismus). Zur Synthese organischer Stoffe sind geistige Kräfte notwendig.
    Diese Ansicht wurde bereits 1831 von Friedrich Wöhler (ein Medizinprofessor und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts) als haltlos widerlegt: selbstverständlich sind Krankheiten und Heilungen materielle, heute auch biochemisch und physiologisch definierbare sowie quantitativ erfassbare Geschehen.

    Zweitens: Der Symptomenkomplex bestimmt die Arzneimittelwahl.
    Diese, zu Hahnemanns Zeiten einzige Möglichkeit der Auswahl der „Behandlungsmittel“ („Ursachen” der Krankheiten wie Bakterien und Viren waren noch nicht bekannt) ist überholt und gefährlich, heute werden nach Möglichkeit Ursachen und nicht Symptome behandelt.

    Drittens: Ein Mittel, das eine spezifische Wirkung hat, wirkt in extremer Verdünnung entgegengesetzt (simile-Prinzip).
    Zum Beispiel wirkt die Brechnuss in einer „normalen” Dosierung als Brechmittel. In starken Verdünnungen soll sie gegen das Erbrechen wirken. Tut sie allerdings dummerweise nicht mehr als ein Placebo (Medikament ohne wirksame Inhaltstoffe).

    Viertens: Die Wirkung wird mit zunehmender Verdünnung (Potenzierung) immer stärker.
    Hahnemann hat in seinen Vorlesungen immer wieder versucht, mit Chinin (bei allopathischer, d. h. in schulmedizinischer Dosierung gegen Fieber wirksame Substanz) in hohen Potenzen (Verdünnungen) bei seinen Studenten Fieber zu erzeugen. Natürlich ist er regelmäßig damit gescheitert.

    Fünftens: Man soll nur mit einem Stoff behandeln, entweder mineralisch oder pflanzlich.
    Diese Regel wird von den heutigen Homöopathen meistens missachtet, indem sie viele „Komplexmittel”, Mischungen verschiedener Stoffe anwenden.

    Für all diese Grundsätze, die nicht mehr als haltlose Behauptungen sind, konnte nie eine wissenschaftlich plausible Theorie für eine mögliche Gültigkeit aufgestellt werden und natürlich auch nie ein Beweis für ihre Wirksamkeit erbracht werden. Hahnemann lebte in einer Zeit, als Existenz von Atomen und Molekülen noch nicht entdeckt worden war. So konnte er also auch noch nicht wissen, dass in seinen hoch potenzierten (verdünnten) Präparaten keine Spur von der Wirksubstanz mehr vorhanden war. Später haben Anhänger der Homöopathie die angebliche Wirkung dieser hochverdünnten Mittel damit zu erklären versucht, dass die ursprünglichen Substanzen bleibende „Informationen” an das Wasser abgeben, sodass dieses auch ganz ohne Wirksubstanz wirken kann. Diese abstruse Theorie wird noch absurder, wenn man bedenkt, dass als „homöopathische Medikamente” meistens Globuli (kleine trockene Kügelchen aus Rohrzucker) eingesetzt werden, in denen sich natürlich auch kein Wasser mehr befindet, das irgendwelche Informationen weitergeben könnte.
    Stellen Sie sich einen mittelalterlichen Boten vor, der ein wichtiges Dokument überbringen soll. Schon zu Beginn weiß man nicht, ob dieses Dokument überhaupt eine Information enthält. Dann fallen ihm bei seinem wilden Ritt nach und nach sämtliche Papiere aus seiner Tasche (Hochverdünnung). Zuguterletzt fällt seine Tasche ins Feuer und verbrennt vollständig (das „informierte“ Wasser verdampft). Der Bote sammelt schließlich die übrig gebliebene Asche (Globuli) auf und übergibt sie dem Empfänger. Glauben Sie, dass die Blätter ihre (vielleicht nicht vorhandenen) Informationen an die Tasche abgegeben haben und dass diese Informationen noch aus den Überresten der verbrannten Tasche entschlüsselt und verwertet werden können? Ein vernünftiger Mensch würde nicht einmal den Versuch machen. Zu sehr würde das den gesunden Menschenverstand beleidigen.
    Bei keiner seriösen Vergleichsstudie mit Placebo konnte eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathika (Homöopathische Mittel) nachgewiesen werden.

  7. [...] Der Schockwellenreiter (Germania) [...]

Einen Kommentar verfassen

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, daß der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluß aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder sonst weitergegeben.