Der Schockwellenreiter Rotating Header Image

Falsche Politik

Die aktuellen schweren Krawalle in mehreren englischen Städten legen Mißstände offen, die nicht mit David Camerons Strategie eines noch härteren Polizeieinsatzes aus der Welt zu schaffen sind: »Die beteiligten Jugendlichen haben nichts mehr zu verlieren. Für sie steht keine bürgerliche Normalbiographie auf dem Spiel«, warnt der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer und verlangt eine Suche nach den tieferen Ursachen:

Englands Wirtschafts- und Industriepolitik konzentriert sich nur auf finanzielles Wachstum, wobei sie großen Teilen einer Generation die Zukunft verwehrt. Zudem segregiert die Stadtentwicklung stark, indem sie mit Bezirken für Ausländer und Arbeitslose Konfliktherde schürt.

Und so sinnlos die Gewalt in den Medien auch dargestellt wird, so macht sie für die beteiligten Jugendlichen durchaus Sinn:

Über Gewalt können sie sich erstmals sichtbar als Kollektiv darstellen. Sie gibt das Gefühl, die alltägliche Ohnmacht überwinden zu können und ist zudem attraktiv, da sie in bestimmten Situationen hohe Anerkennung bringt — nicht in der Gesellschaft, jedoch in der Binnengruppe der Subkultur.

Eine Gefahr, daß der Funke auch nach Deutschland überspringt, sieht Heitmeyer jedoch nicht:

Auch bei uns gibt es speziell in Großstädten viele Jugendliche ohne Perspektiven und kriminelle Gangs. Im Unterschied zu England oder etwa den französischen Banlieues haben wir jedoch keine derart ausgeprägte Klassengesellschaft.

Da bin ich mir jedoch nicht so sicher. Denn Bielefeld ist nicht Neukölln. [Presse­text.com]

Teilen:
  • Facebook
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MySpace
  • PDF
  • RSS
  • Technorati
  • email
  • Wikio
  • Digg
  • Identi.ca
  • MisterWong.DE
  • Posterous
  • Twitter
  • Print
  • Yigg
  • LinkedIn
  • FriendFeed
  • Tumblr

7 Kommentare

  1. Andrea sagt:

    Ich wohne im Wedding. Solche Krawalle kann ich mir unter Umständen da auch vorstellen.

  2. user sagt:

    Frankreichs Unruhen sind nur ein paar Jahre her und letztlich hat man es beherrscht. Die Straßenschlachten sind vorbei, geändert hat sich für die betroffenen Lebenswege nichts grundlegendes. Insofern kann man zynisch formulieren: Frankreichs Regierung hat nicht so viel falsch gemacht. So wird es England mM auch gehen. Ein Strohfeuer, dass temporär außer Kontrolle gerät. Viel Schaden hinterläßt. Wer weiß was in ein paar Jahren erst passiert…

    Anders als der Forscher, halte ich ähnliches in Deutschland für keineswegs ausgeschlossen. Man schaue nur Berliner Stadtentwicklung an. Da werden massenweise Leute aus ihren angestammten Kiezen verdrängt und finden sich in preiswerteren Wohnlagen wieder.

    Die Frage ist für mich eher, wie man dem Knall eines Tages noch aus dem Weg gehen kann. Oder wie man ihn durch Problemlösung verhindern könnte. Echten Willen der Politik kann ich moment dazu nicht erkennen. Es würde mindestens deutliche Veränderungen der “Fordern und Fördern” Maxime und freiem Zugang zu Bildung bedeuten.

  3. gerhardq sagt:

    Das erinnert mich an den Rückgang der Kriminalität in New York. Diese wurde nicht etwa durch harte Polizeimaßnahmen erreicht, sondern dadurch, daß Arbeit geschaffen wurde. Erst die Möglichkeit, sein Geld legal zu verdienen, sorgte für einen Rückgang der Kriminalität.
    Ähnliches sehe ich auch in Europa. Es ist schon symptomatisch, daß es gerade England erwischt. Hier haben die neoliberalen Hardliner am härtesten zugeschlagen und so für fehlende Arbeitsplätze gesorgt. Dadurch erst haben die Jugendlichen die Perspektive verloren.
    Wer also solche Bilder wie in England verhindern will, der muß Arbeitsmöglichkeiten schaffen mit der man sein Auskommen auf ehrliche Weise erzielen kann. Nur fehlt unseren kurzsichtigen Politikaffen leider für solche Erkenntnisse der Weitblick.

  4. Bela sagt:

    Na, bei uns werden ja sofort die Wasserwerfer eingesetzt. Da wird nicht lange gefackelt. Und das Internet würden die bei uns auch sofort abschalten. Am besten auch noch den ÖPNV abschalten (hatten wir auch schon öfters in der Vergangenheit). Nur nicht an der Lösung arbeiten…

  5. anonym sagt:

    Trotz allem ist es extrem unwahrscheinlich, daß hier etwas dergleichen passiert, zumindest in diesem Ausmaß. Ich finde, da hat Heitmeyer völlig recht, denn die Bedingungen hier sind doch ziemlich anders als in den genannten Ländern.

    Zudem gilt doch noch das, was Lenin gesagt hat (falls sich jemand erinnert), das mit der Bahnsteigkarte. Da hat sich in 90 bis 100 Jahren so gut wie nichts geändert.

    Und letztlich sind doch hierzulande noch viel mehr Leute autoritätshörig, als man das gemeinhin glauben möchte. Da kann man bloß mit einer gewissen Erleichterung registrieren, daß die Marktschreier von Polizeigewerkschaftern in letzter Zeit immer wieder bitterlich beklagen, daß die Leute die Polizei nicht mehr “ausreichend” respektieren. Recht so!

  6. Jens sagt:

    @anonym: Glaub das ja nicht, 1993 in Solingen ging auch schon etwas ab, und das kam ohne Internet und ohne Soziale Netze aus.

  7. Santillan sagt:

    Eine ziemlich gute Stellungnahme einer kleinen englischen Basisgewerkschaft zu den Riots habe ich hier gelesen (http://www.fau.org/artikel/art_110810-065549). Im übrigen würde ich keinen Cent darauf verwetten, dass ähnliche Revolten nicht jederzeit auch hierzulande ausbrechen können. Der globale Kapitalismus taumelt und ist so “volatil“ wie die Börsenkurse seit 2008. Selbst bürgerliche Kommentatoren fangen an, immer stärker an der Zukunftsfähigkeit des Systems zu zweifeln. Und Zweifel an der Zukunft, also an der ungestörten Ausbeutung von Arbeitskraft, bedeutet im Kapitalismus immer zuerst Zweifel am Kredit. Die meisten Staaten werden – ähnlich wie Griechenland – brutale Maßnahmen zur Sanierung ihrer Haushalte und zur Rettung der Banken starten müssen und damit wirtschaftliche Rezession und zunehmende Verarmung und Perspektivlosigkeit auslösen. Den Rest erledigt dann die Inflation, mit dem die Staaten versuchen werden, einen Teil ihrer Schulden loszuwerden. Es mag noch ein wenig dauern, aber es wird auch hier losgehen. Soviel Polizei und Sozialarbeiter um dauerhaft den Brand zu löschen, den die Umverteilung von unten nach oben auslöst, gab es nie. Davon abgesehen, dass sie nicht mehr bezahlbar sind.

Einen Kommentar verfassen

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, daß der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluß aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder sonst weitergegeben.