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Edition Open Access

Screenshot Epubli MPI

Ich schreibe hier ja selten über meine Arbeit am Institut (die Gefahr von Loyalitätskonflikten ist mir zu groß), aber dies hier ist ein Projekt, auf daß ich besonders stolz bin. Die »Max Planck Research Library for the History and Development of Knowledge« (Edition Open Access) will Publikationen zur Wissenschaftsgeschichte frei zur Verfügung stellen. Geplant sind drei Serien (Sources, Studies und Essays).

Alle Bände sollen sowohl als (preiswertes) gebundenes Buch, als Ebook für iPad und Co., als PDF zum (kostenlosen) Download, sowie (angereichert mit zusätzlichen Funktionen) als Website zur Verfügung stehen. Unsere Initiative steht in der Tradition der Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen (Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities) und daher stehen alle Veröffentlichungen unter einer Creative Commons Licence (by-nc-sa 3.0) und sind somit für nichtkommerzielle Verwendungen frei kopier- und weiterverarbeitbar. (In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei Frau Thorne von der Creative Commons International für die Hilfe bei der Auswahl der »richtigen« Lizenz bedanken.)

Als Print-ond-Demand-Partner für die Buchfassung haben wir epubli gewinnen können, die bereit waren, ihre Standardverträge so weit zu öffnen, daß sie kompatibel zu der Creative-Commons-Lizenz waren (viele andere Print-on-Demand-Anbieter haben ähnliche Knebelverträge wie die »klassischen« Verlage und damit wäre uns nicht geholfen gewesen).

Die Bücher sind komplett in LaTeX gesetzt (kein Quark, alles ohne InDesign); das ist der Grund, warum ich Euch in den letzten Monaten so häufig mit LaTeX-Fragen genervt habe. Denn LaTeX ist im Prinzip ein sehr gutes Programm, aber man merkt ihm in vielen Dingen nicht nur sein Alter an (Unicode!), sondern auch, daß es in der Hauptsache von Natur- und weniger von Geisteswissen­schaft­lern genutzt wird (kein Chicago-Style für die Bibliographie, ein Text, der gleichzeitig arabische, chinesische, altgriechische, altslawische und Sanskrit-Zeichen enthält, ist nur unter Schmerzen zu setzen etc.). Ich werde Euch daher in Zukunft vermutlich noch weiterhin mit LaTeX-Fragen nerven (müssen).

Auch in allen anderen Bereichen haben wir konsequent auf plattformüber­grei­fende Open-Source-Software gesetzt. Ich werde in einem kommenden, längeren »Making Of«-Beitrag auf den Workflow und die technische Realisierung noch genauer eingehen. Denn der Sinn unserer Bemühungen ist unter anderem, daß auch andere Wissenschaftsinstitutionen auf den »Open Access«-Zug auf­sprin­gen und ähnliche Publikationsprojekte hochziehen.

Aber langer Rede kurzer Sinn: Die ersten beiden Bände sind erhältlich. Es sind

  1. Guidobaldo del Monte’s Mechanicorum liber, zu der Jürgen Renn und Peter Damerow eine Einleitung geschrieben haben, und
  2. The Role of Gravitation in Physics – Report from the 1957 Chapel Hill Conference, herausgegeben von Cécile DeWitt und Dean Rickles.

Die Preise der beiden Bücher sind für ein Wissenschaftswerk ausgesprochen niedrig (300 (+) Seiten für unter 20 Euro) und außerdem dürft Ihr auf den Seiten von epubli den kompletten Band einsehen.

Die Website Edition Open Access ist noch work in progress. Eine vorläufige Ebook- und eine PDF Version des Guidobaldo del Monte-Bandes könnt Ihr aber jetzt schon herunterladen und auch die (ebenfalls noch vorläufige) HTML-Version des Textes soll Euch zeigen, wohin die Reise geht. Die endgültige(n) Version(en) werde ich im Laufe dieser Woche erstellen.

Die entsprechenden Ebook-, HTML- und PDF-Versionen des Chapel-Hill-Bandes gehen nächste Woche online.

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13 Kommentare

  1. Georg sagt:

    Gratulation! Im Gegensatz zu anderen die nur ständig über Open Access reden macht ihr was, das alleine verdient schon Anerkennung. Und das es auch noch ein rundes Konzept mit Print+Digital+Online ist, macht es noch besser! Ich hoffe das wird von anderen Einrichtungen als Anreiz gesehen ebenfalls in dem Bereich Aktivitäten zu starten.

  2. Knox sagt:

    Na das nenne ich mal einen guten Ansatz, muss ich mir gleich mal anschauen…
    Wäre wirklich schön wenn entsprechende Ansätze sich bei Wissenschaftsinstitutionen durchsetzen würden!

  3. Moss sagt:

    Vorneweg: ganz großes Kino, Jörg! Was das Projekt angeht, kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen.

    Bißchen was anzumäfeln habe ich trotzdem:

    LaTeX ist im Prinzip ein sehr gutes Programm, aber man merkt ihm in vielen Dingen nicht nur sein Alter an (Unicode!),

    Hmm? \usepackage[utf8]{inputenc}? Xe(La)TeX, lua(La)TeX, ConTeXt?
    Ich finde, (La)TeXs Alter merkt man an anderen Enden sehr viel deutlicher, nämlich z.B. daran, wie effizient es geschrieben ist. Nicht umsonst setzt z.B. die Frankfurter Sparkasse von 1822 ihren gesamten Schriftverkehr damit, u.a. auch die Kontoauszüge für alle Kunden in jeweils einer halben Nacht auf einem einzigen PC. Das sind jeweils einige Millionen Seiten.

    sondern auch, daß es in der Hauptsache von Natur- und weniger von Geisteswissen­schaft­lern genutzt wird (kein Chicago-Style für die Bibliographie,

    Wahr. Allerdings sollte sich sowas doch recht einfach mit Biblatex verwirklichen lassen? Bei neuen Projekten sollte man eh nicht mehr mit dem nackten BibTeX ’rumfuddeln müssen.

    ein Text, der gleichzeitig arabische, chinesische, altgriechische, altslawische und Sanskrit-Zeichen enthält, ist nur unter Schmerzen zu setzen etc.).

    S.o.: XeLaTeX?

    Ich werde Euch daher in Zukunft vermutlich noch weiterhin mit LaTeX-Fragen nerven (müssen).

    Nur zu. Vorsorglich weise ich noch auf das Forum goLaTeX (hier trifft man auch gern mal Markus Kohm an), die deutschsprachige TeX-Mailing-Liste TeX-D-L und den Beraterkreis für Dante-Mitglieder hin. ;-)

  4. Jörg Kantel sagt:

    @Moss (zum Thema Unicode): Im Prinzip hast Du recht und das ist auch der Grund, warum wir auf XeLaTeX umgestiegen sind. Das nützt Dir allerdings nichts, wenn es keinen Font gibt, der Dir gleichzeitig altgriechisch, chinesisch, sanskrit, arabisch, hebräisch, altslawisch etc. anbietet. Das ist nicht unbedingt ein LaTeX-Problem (sondern eher ein Problem der Fonthersteller — es gibt tatsächlich noch keinen Font, der den gesamten UTF-16-Standard abdeckt), aber daß der Fontwechsel dann undurchsichtig und (meiner Meinung nach) unnötig kompliziert abläuft — das ist dann doch wieder ein LaTeX-Problem.

  5. Axel Kielhorn sagt:

    texdoc biblatex-chicago liefert bei mir:

    The biblatex-chicago package: Style files for biblatex
    David Fussner Version 0.9.5a (beta)
    September 7, 2010

    Biblatex (und biber) kann ich für alle die Unicode benötigen^W^W^W nur empfehlen.

    Mit polyglossia kannst Du jeder Sprache einen Font zuordnen. Da für Trennmuster und ähnliches ja sowieso die Sprache angegeben wird, wird dann auch gleich der Font umgeschaltet. (Siehe aktuelles lkurz-english, in der deutschen Version ist es noch nicht drin.)

    Es ist halt schwierig genug einen arabischen Font herzustellen, man kann aber kaum erwarten, das der Designer dann auch noch chinesich oder sanskrit beherrscht. (Auf der XeTeX Mailingliste findet man Experten für diverse nichtlateinische Sprachen. Einer davon entwirft gerade einen arabischen Font (mit Unterstützung der TUG))

    Ende März ist Dante Tagung in Bremen, dort kannst du mit vielen Entwicklern direkt sprechen oder noch besser über das Projekt und die Probleme berichten.

    http://www.dante.de/events/dante2011/programm.html

    Axel

  6. Martin Petersen (US) sagt:

    Ein professionell gemachter Font, der tatsächlich den gesamten UTF-16 Standard abdeckte, natürlich inkl. div. Strichstärken und Laufweiten müsste – nur ehrliche, die Urheberrechte wahrende, Verwender vorausgesetzt – ein paar tausend Euro kosten, sollte der Designer oder besser sollten die Designer auf eine Entlohnung ihrer Arbeit auch nur auf Hartz 4 Niveau bestehen.
    Wie wahrscheinlich es ist, dass diese Fontfamilie nur legale Verwender fände, überlasse ich dem Urteil der geneigten Leser.

  7. Moss sagt:

    @Axel: gerade vorgestern kam auf CTAN ein Update zu biblatex-chicago durch.

  8. pzillig sagt:

    Glückwunsch!

  9. Christoph sagt:

    Großartig! Ich verfolge die Auseinandersetzung um Open Access nun schon seit einigen Jahren und freue mich riesig über diese »Referenz-Implementierung«. Kompliment & Hut ab.

  10. Herzlichen Glückwunsch zu dieser guten und richtigen Entscheidung und der Realisierung des Projektes. Was mich interessieren würde, ist die Finanzierung der Publikationen: über Autoren- oder Institutionsmodell? Gibt es auch eine Anbindung an Bibliothekskataloge bzw. diversen OA-Datenbanken?

  11. Jörg Kantel sagt:

    Momentan ist das Projekt ein Gemeinschaftsprojekt dreier MPIs, die sich auch die Kosten teilen. Diese Kosten entstehen momentan in der Hauptsache bei der Entwicklung des Workflows — sollte dieser mal bestehen, ist das Ganze ziemlich kostenneutral (natürlich muß der Autor/müssen die Autoren das Buch schreiben und die Reviewer es lesen und vorschlagen, aber alles andere (Satz, Druck, HTML etc.) sollte mit ganz geringem Aufwand realisiert werden). An einer Beteiligung anderer Institute — auch außerhalb der MPG — sind wir aber natürlich sehr interessiert.

  12. [...] Kantel berichtet in seinem Blog “Schockwellenreiter” von einer wie ich finde hochgradig spannenden Kooperation zwischen dem Max Plank Institut, [...]

  13. [...] gleichen Beitrag hat er auch auf unsere Edition Open Access (wir berichteten mehrfach) hingewiesen, ein Gemeinschaftsprojket mehrerer Max-Planck-Institute, das mittlerweile [...]

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