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Ich muß mal wieder etwas überschwenglich loben

Zur Zeit liegen zwei Computerbücher nicht nur auf meinem Schreibtisch im Arbeitzimmer, sondern haben es sogar in meinem ansonsten von Technik völlig freigehaltenen Wohnzim­mer geschafft. Zum einen ist es das hier schon ultimativ gelobhudelte »Processing for Visual Artists«, das andere Buch — über das ich heute schreiben möchte — heißt »Computer­geschichte(n) – nicht nur für Geeks: Von Antikythera zur Cloud: IT-Geschichte zum Nachprogrammieren« von H.R. Wieland. Das letztere hat sogar mit einer gewissen Berechtigung den Einzug ins Wohnzimmer verdient, denn es ist nicht nur ein Computer-, sondern auch ein Geschichtsbuch. Es erzählt die Geschichte des Computers, nachvollziehbar an vielen praktischen Beispielen. Es beginnt mit einer Geschichte der Hardware (vom Rosenkranz bis zum Supercomputer im Wohnzimmer), darauf folgt eine Geschichte der Software (von Lady Ada bis zum Internet) und fragt zum Schluß auch noch, wie die Zukunft aussehen könnte.

Besonders spannend wird das Buch immer in den Abschnitten, die mit »Praxis« überschrieben sind. Hier gibt es Programme, Emulatoren oder einfach alte Programmiersprachen und Beispiele, wie man dies auf seinem eigenen Rechner ausprobieren kann. Ihr könnt damit sowohl einen IBM-Mainframe auf Eurem Rechner simulieren, wie auch einen Commodore C64, die legendäre »Brotbüchse«. Aber Ihr könnt auch in alten Programmiersprachen schwelgen, Spieleklassiker nachspielen oder einfach einmal ein historisches Betriebssystem auf Eurem modernen Rechner starten.

Ich habe das Buch einmal komplett überflogen und verschlungen, jetzt bin ich in der Genußphase: Ich nehme mir einzelne Kapitel vor, lese sie sehr intensiv und vergleiche sie mit meiner eigenen Computergeschichte, die ja nun auch schon bis auf die 1970er Jahre zurückgeht.

Müßig zu erwähnen, daß der Autor schreiben kann, Witz mitbringt und in der Leichtigkeit des Textes beweist, daß er sein Metier kennt und sicher noch mehr zu erzählen hätte, wenn das Buch mit seinen über 600 Seiten dann nicht sowieso jede Kalkulation des Verlages gesprengt hätte.

Natürlich gibt es von meiner Seite auch Kritik. Ich war erst CP/M-, dann Atari-User, die von mir genutzten Computer wie der Tandy TR-S 80 und sein kleiner Klon Video Genie kommen gar nicht, der Atari ST (der als Mega ST 2 immer noch einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer einnimmt) für meinen Geschmack natürlich zu kurz vor (viel zu viel Amiga ;) ).

Aber es gibt auch seriösere Kritikpunkte: Funktionale Sprachen sind nicht Sache des Autors und so fehlen so wichtige Sprachen wie Lisp und Scheme fast völlig im Abschnitt über die Geschichte der Programmiersprachen. Außerdem vermisse ich die Pascal-Nachfolger Modula-2 und Oberon (das nicht nur eine Programmiersprache, sondern auch ein Betriebssystem war) und natürlich die Mutter aller objektorientierten Programmiersprachen, Simula. Aber auch Forth (die erste Open-Source-Programmiersprache der Welt) und die damit verbundene Umgekehrte Polnische Notation (der herrlichste Gehirnverzwirbler seit es Programmiersprachen gibt) wären meiner Meinung nach einer Erwähnung wert gewesen.

Aber egal, das sind doch nur Peanuts gegenüber dem Lese- und Spielvergnü­gen, das mir dieses Buch beschert. Wer nicht gerade Wissenschafts- oder Technikhistoriker ist und nur Geld für ein Buch übrig hat, der vergesse alle anderen Bücher über Computergeschichte und kaufe diese vergnügliche Schwarte — zumindest gilt das solange, bis mein eigenes Opus zu diesem Thema fertig ist. Aber da bisher dazu nur ein paar spärliche Einträge in meinem Wiki existieren, wird sich das wohl noch hinziehen. Außerdem wird es — wenn es erscheint — zum freien Download angeboten. Also gibt es eigentlich keine Entschuldigung, Computergeschichte(n) — nicht nur für Geeks nicht zu kaufen! Ich bin sicher, Ihr werdet es nicht bereuen.

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5 Kommentare

  1. Gerd sagt:

    Danke für den Tip, scheint genau das zu sein, was ich zu Weihnachten gesucht habe.
    Hab allerdings aus nostalgischen Gründen nicht bei Amazon, sondern bei Lehmanns bestellt; bei Amazon hab ich immer das Gefühl, was zu versäumen, wenn ich nicht alle Vorschläge durchklicke, die mir gemacht werden.
    Was mir selbst noch in den Sinn kam war ‘Gödel, Escher, Bach…’ von Hofstadter, das ich mir auch mal zu Weihnachten gekauft hatte und mir leider vor Jahren abhanden gekommen ist, das mußte auch noch in den Warenkorb. Und noch …..

  2. vilmoskörte sagt:

    Danke für den Tipp für die Wohnzimmerlektüre, das muss wohl auch auf den Wunschzettel (ich bestelle natürlich auch nicht bei amazon, sondern bei meinem bevorzugten lokalen Buchhändler).

  3. Moss sagt:

    Ich war erst CP/M-, dann Atari-User

    Haha, noch einer — hier: ZX-81, -Spektrum (Erstkontakt mit FORTH), SpectraVideo-328/605 (CP/M und TurboPascal), dann diverse Ataris. Und mein erster Schultaschenrechner Mitte der 1970er war ein HP-irgendwas mit UPN (und mit roten LED-Ziffern, die bei längeren Berechnungen immer schön blinkten). Den wollte komischerweise nie jemand zweimal geliehen haben.

    – und danke für den Buchtip[p]. Herr Williamsbirne von nebenan mag verzeihen, wenn ich dabei meinen lokalen Buchhändler bevorzuge. ;-)

  4. gerhardq sagt:

    Das erinnert mich an mein Abi mit einem TI59. Ein Jahr später hatten die Lehrer begriffen, was man damit alles machen konnte und verboten programmierbare Taschenrechner.
    HP32, Apple Nachbau, Atari St 1024, Atari Mega St, Turbo Pascal, Turbo C, Apollo Domain Workstation, XENIX für 286, ach das ist alles schöne Nostalgie. Wer mal Zeit und Lust hat – vielleicht als Weihnachtsgeschenk – dem empfehle ich einen Besuch im Heinz Nixdorf Museum in Paderborn. Wer die Geschichte der IT selbst miterlebt hat (ich seit Ende der Siebziger), der kann dort richtig in Erinnerungen schwelgen.

  5. vilmoskörte sagt:

    Ein Rechner beim Abi? Nee, so etwas gab es nicht, wir hatten Logarithmentabellen und Rechenschieber. Mein erster Rechner war eine Electrologica X8, ein kleiner Saal voll. Programmiert wurde in Algol60 auf 5-Kanal-Lochstreifen, die man beim Operator abgab. Der Editor bestand aus Schere und Tesafilm.

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