Ulrich Kortenkamp gibt mir mit meiner iPad-Schelte in der FAZ recht, meint aber, mir zu wiedersprechen. Denn egal ob Fernbedienung oder Fernseher, beide machen aus dem »Two-Way-Web« eine Einbahnstraße, aus dem potentiellen Produzenten einen Konsumenten. (Und damit man mich nicht falsch versteht: Es kommt nicht darauf an, ob jeder, der ein Empfänger ist, auch zum Sender werden muß, sondern nur darum, ob er zum Sender werden kann. Und zwar mit allen Möglichkeiten, die das Web bietet, nicht nur mit denen, die uns Steve Jobs in seiner großzügigen Gnade übrig läßt.)
Und meine Fernbedienungs-/Fernsteuerungs-Metapher hat eine weitere Reaktion in der Presse hervorgerufen: Andreas Gebhard im Tagesspiegel und in der Zeit über Jobs Wunder. (Beides sind bekanntlich Offline-Medien, die den Hyperlink scheuen, wie der Teufel das Weihwasser.)























[...] Jörg Kantel denkt, ich würde ihm widersprechen. Das stimmt natürlich ein wenig – ich widerspreche der Fernbedienungs-Metapher. Ich widerspreche aber auch seiner Einbahnstraße: Das iPad ist kein Rückfall auf das one-way-web. Hey, ich blogge vom iPhone, wenn ich will. Ich kann mit Webseiten interagieren. Ich kann veröffentlichen. Und das wird auf dem iPad ganz genauso gehen. [...]
Ich würde gerne einen Einwurf bezüglich der Entmündigung der Nutzer des iPad machen.
Meines Erachtens ist die Mehrzahl der heutigen 08/15 Computer-Nutzer auch jetzt schon nicht mündig im Umgang mit ihren Rechnern. Denn die allermeisten sind sklavisch darauf angewiesen, dass ihnen ein “Experte” zur Seite steht, wenn der Computer auch nur im kleinsten Ausmaß von seinem “normalen” Verhalten abweicht.
Die Freiheit, ihren Rechner zu all dem zu verwenden, was dessen endloses Potential erlaubt – vom Programmieren einer eigenen Software bis hin zum Retuschieren eines Fotos – haben nur sehr wenige Nutzer. Der Rest hofft jedes Mal beim Einschalten, dass alles gut geht und dass nicht irgendeine Meldung aufpoppt, deren Bedeutung und Folgen sie nicht verstehen und die das Arbeitsgerät möglicherweise lahmlegt.
Insofern würde dieser Nutzertyp von der geschlossenen Architektur des iPad eher profitieren – es ist sichergestellt, dass alle Programme gestestet sind, dass Software-Updates so einfach sind, dass man dabei nichts kaputt machen kann etc. Das ist zwar dann das Glück des Goldfisches im Glas, der nicht weiß, dass es draußen eine Welt gibt – aber (möglicherweise – ich bin mir da noch nicht sicher) immer noch besser als ein Goldfisch im Ozean, der zwar alle Freiheit hat, dorthin zu schwimmen, wo er möchte, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit unterwegs verloren geht.
Oder wie siehst Du das?
Die Alternative kann doch nicht heissen, das Volk im Goldfischglas einzusperren — um mal bei Deiner Metapher zu bleiben —, sondern sie kann doch nur sein, die Menschen fit für die Weite des Ozeans zu machen. Alles andere ist zwar bequem, aber auch arrogant: »Wir« sind fit für die Weltmeere, aber »ihr« seid zu doof.
Ich stimme Dir zu – allerdings habe ich nach meiner bisherigen Erfahrung wenig Hoffnung darauf, dass die Computernutzer in der Breite bereit sind, die nötigen Fertigkeiten zu lernen. Meist mache ich die Erfahrung, dass die Leute lediglich wollen, “dass das Ding wieder geht” ohne sich darum zu scheren, warum es nicht “ging” und wie man das Problem verhindern oder selbst beheben könnte.
Wie gesagt: mir wäre es lieber, jeder würde sich genug dafür interessieren, um ein mündiger Computernutzer zu werden – aber das scheint mir nicht der Fall.
Und nach aktuellem Stand schließen jetzige Computer viele Nutzer von der Teilhabe aus, weil sie sich an vieles gar nicht ran trauen oder weil der Rechner regelmäßig nicht funktioniert
Ich denke z.B. an viele meiner Schüler, deren Rechner durch den unmündigen und naiven Umgang damit ständig voller Viren und Ähnlichem ist und die daher nur eingeschränkt produktiv damit arbeiten können.
Woraus sollte denn die vielgepriesene Kreativität bestehen, welche hier angeblich auf der Strecke bleibt? Programmieren? Photoshoppen?
Und das auf einem Rechner, der für die Couch oder die Bahn gedacht ist?
Schade, den Sinn des Gerätes nicht verstanden.
Ich stimme Andreas voll und ganz zu. Ich glaube nicht, dass wir alle Menschen fit für den Ozean machen können. Und das sagt ja dein Bild auch: Wir müssen nicht alle fit für den Ozean sein – es gibt sogar manche, die gar nicht schwimmen wollen. Und für die machen wir dann das blubb in Neukölln wieder auf…
Gilt nicht der folgende Grundsatz? Die Internet-Geräte (vorher stand hier Rechner…) sollen sich an die Menschen anpassen, nicht wir den Rechnern.
Es ist nicht nur illusorisch, aus uns alle Programmierer und Inhaltsprovider zu machen, es reicht auch, dass die Möglichkeit dazu besteht es zu werden. Und die wird durch das iPad nicht eingeschränkt.
Oder sind die Spielkonsolen auch böse? Schließlich muss man da auch die Inhalte kaufen. Und Internet funktioniert auch nicht richtig. Aber ich hab mich ja auch schon in meinem Blog geäußert – siehe oben.
Mir ist noch ein anderer Lebensbereich eingefallen, wo die meisten Menschen ebenfalls “im Goldfischglas” sitzen: wir alle fahren Autos, die meisten von uns tun das rein “konsumierend”. Wenn das Auto nicht mehr funktioniert, sind wir auf eine Werkstatt angewiesen. Kaum jemand ist in der Lage, auch nur grundlegende Reparaturen selbst durchzuführen.
Zwar wäre es toll, wenn wir das könnten, aber es ist auch eine ziemlich Aufgabe, genug über Autos zu lernen, um selbst reparieren zu können.
Und wie Ulrich oben sagt: wer möchte und sich eingeschränkt fühlt, kann irgendwann ja auch das iPad gegen einen “richtigen” Rechner austauschen, um dann alle Freiheit zu haben.
Das Argument, das ich irgendwo gelesen habe, “wenn ich als Kind einen iPad gehabt hätte, wäre ich kein Programmierer geworden” überzeugt mich nicht. Wenn ich als Eltern sehe, dass mein Kind gerne tüftelt, kann ich ihm ja auch ein anderes Gerät dafür zur Verfügung stellen. Das iPad wird ja nicht alle anderen Formen von Computern verdrängen.
Oder wie siehst Du das?
@Andreas und @Ulrich: Ich sehe das ein wenig anders und ich glaube auch, daß sowohl das Beispiel mit der Spielekonsole (die ich in der Tat — in ihrer derzeitigen Ausprägung — als ein »entmündigendes« Gerät betrachte) als auch das mit dem PKW hinkt: Es geht nicht darum, ob jemand die Reparaturen tatsächlich selber durchführt, sondern ob er (theoretisch) in der Lage ist, diese selber durchzuführen, oder ob der Hersteller ihm dies — entweder durch administrative oder durch technische Maßnahmen — verbietet. Und (das ist jetzt für @Ulrich) ich kenne mindestens einen (ehemaligen) Mathematikdidaktiker, der mir zustimmt (allerdings gilt das nicht ganz, denn ich habe nicht nur bei Peter Damerow studiert, sondern bin auch bis heute mit ihm befreundet — und er hat den Artikel gelesen (und inhaltlich zugestimmt) bevor ich ihn an die FAZ abgeschickt hatte).
Ich würde das gerne etwas ausführlicher begründen, doch — wie Ihr wißt — stecke ich momentan mitten in einem Umzug. Vielleicht gibt es im nächsten Monat noch einmal einen umfangreicheren Beitrag von mir zu diesem Thema.
Danke für die Antwort – hast Du vielleicht irgendwo einen Kommentarfeed versteckt? Dann müsste ich nicht immer wieder auf Verdacht in diesem Beitrag vorbeischauen.
@Andreas: http://www.schockwellenreiter.de/comments/feed/
Ja, ich würde die Diskussion gerne weiterführen – aber zieh’ erst mal in Ruhe um! Vielleicht schaffen wir es ja auch mal uns irgendwo zu treffen, schließlich ist Berlin ja ein Dorf.
(aber ich kann mir nicht verkneifen zu schreiben, dass ich Spielkonsolen ja auch entmündigend finde, aber für den Zweck den sie erfüllen sollen, in Ordnung, und bei den PKW ist man tatsächlich durch die Hersteller in der Lage, dass man Reparaturen durch technische oder administrative Maßnahmen nicht selbst durchführen kann/darf!)
(Und in meinem blog vergleiche ich das ja auch noch mit der Bahn: Diese kann ich selbst nicht warten — obwohl man sich das bei der S-Bahn Berlin ja wünschen würde, dass es überhaupt jemand tut — und fühle mich auch nicht entmündigt, sondern meist einfach befördert).
Fernbedienung hin oder her…
ich würde mich hier nicht an dem Stand der derzeitigen Entwicklung festbeißen wollen, sondern das Thema eher in einem größeren Zusammenhang sehen, der noch weitaus spannendere Aspekte zu bieten hat:
http://blog.marcel-more.de/2010/01/31/das-geheimnis-von-apples-erfolg-und-warum-wir-erst-am-anfang-einer-universellen-medienkonvergenz-stehen/
[...] Standard hat’s getestet: Man kann mit Apples Fernbedienung auch seniorengerecht telephonieren. Das ist doch eine gute Nachricht für ältere Männer wie mich. [...]