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Eigentumskonzentration

Vor 100 Jahren beschrieb Rudolf Hilferding in seiner Analyse des Finanzkapitals die Funktion von Börse und Börsenkrach:

Die Bedürfnisse der Industrie werden jetzt von den Banken selbst befriedigt; sie geben keine Aktien aus, sondern gewähren Bankkredite, die von den Produktiven zu dem herrschenden hohen Zinsfuß verzinst werden müssen. Je stärker aber die Inanspruchnahme der Banken durch die Industrie ist, desto ge ringer die Mittel, die sie der Spekulation zur Verfügung stellen können; die Spekulation muß sich einschränken. Das aber be deutet Verringerung der Nachfrage, Fallen der Kurse. Aber der gegebene Kursstand war die Grundlage für den der Spekulation gewährten Kredit; jetzt müssen also Zuschüsse auf die verpfändeten oder sonst als Grundlage des Kredits dienenden Papiere geleistet werden, Zuschüsse, die von vielen Spekulanten und besonders von den Mitläufern aus dem Publikum nicht ge leistet werden können. So kommt es zu Zwangsverkäufen der gepfändeten Ak tien, zu einem plötzlich vermehrten Angebot, das den Kurs der Papiere rasch senkt. Diese Senkung wird ver stärkt durch die Drehung, die die berufsmäßige Spekulation vornimmt, die die kritische Lage des Marktes erfaßt hat und sich nur auf die Baissespekulation wirft. Das Sinken der Kurse bedeutet neues Einschränken des Kredits, neue Zwangsverkäufe, aus dem Sinken wird ein Sturz, die Börsenkrise, die Panik und Deroute (das Debakel – d. Red.) ist eingetreten. Die Wertpapiere sind massenhaft ent wertet und fallen rasch unter das Niveau, das ihren wirklichen Erträgnissen bei normaler Höhe des Zinsfußes entspricht. Diese entwerteten Papiere werden jetzt von Großkapitalisten und Banken aufgekauft um, wenn die Panik vorüber, die Kurse wieder gestiegen, zu erhöhtem Preise verkauft zu werden, bis im Kreislauf des nächsten Zyklus der Prozeß der Expropriation eines Teiles der Spekulanten und der Prozeß der Eigentumskonzentration in den Händen des Geldkapitais sich von neuem vollzieht und so die Funktion der Börse sich erfüllt, als Mittel der Eigentumskonzentration auf dem Wege der Konzentration des fiktiven Kapitals zu dienen.

Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus. Wien 1910. Hier zitiert nach dem unveränderten Nachdruck der ersten Auflage Berlin 1947, Seite 359–365. [Junge Welt]

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