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An Wannsee und Havel

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Jörg Kantel

An Wannsee und Havel

Der diesjährige Winter bescherte uns ein seltenes, besonderes Ereignis: Wannsee und Havel waren zugefroren. Die sonst so stark frequentierten Kunsteisbahnen und Eissporthallen verloren so jede Attraktivität. Was sollen diese Schuhschachteln, wenn die gesamten Wasseroberflächen von Berlin und Umgebung dem Eisläufer zur Verfügung stehen?

   Auch wir packten unsere Schlittschuhe und fuhren mit der S-Bahn Richtung Wannsee. Wir waren uns noch nicht so ganz sicher, ob wir nicht lieber Schlachtensee aussteigen sollten oder ob wir uns auf das »große« Wasser trauen. Die Beschaulichkeit der kleinen Grunewaldseen hat schließlich auch etwas. Von der S-Bahn aus sahen wir aber schon, daß der Schlachtensee eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden müßte und so siegten doch Tatendrang und Neugier über die Furcht.

   Doch auch der Wannsee hätte eigentlich wegen Überfüllung geschlossen werden müssen. Glühweinstände auf der Eisfläche zeugten von der Geschäftstüchtigkeit der Berliner. Dazwischen hunderte von Menschen auf Schlittschuhen oder zu Fuß. Einige sicher auf den Kufen, andere eher wackelig auf den Beinen. Ganz Mutige kurvten um die eingefrorenen Wannseedampfer herum, andere saßen auf dem Hosenboden. Einige dieser Fallsüchtigen wurden offensichtlich vom Glühwein Richtung Eisfläche gezogen.

   Wir waren seit zwei Jahren nicht mehr auf Schlittschuhen gelaufen. Entsprechend unsicher bewegten wir uns daher erst einmal. Insbesondere, da die Eisfläche, anders als im Stadion Neukölln, sehr uneben war - vor allem an den Stellen, an denen Eisbrecher versucht hatten, eine Fahrrinne für die Fähre Wannsee - Kladow offen zu halten. Nach einigen Minuten wurde ich etwas mutiger, fuhr schneller, stolperte und fiel prompt um. Dies sollte mir heute noch einige Male passieren. Und auch Gabi blieb vom direkten Kontakt mit der Eisfläche nicht verschont. Das Wetter, das ursprünglich trübe und nebelig war, klarte auf und gelegentlich kam sogar die Wintersonne durch. Die gesamte Atmosphäre hatte etwas Niederländisches, sie erinnerte an entsprechende Genrebilder holländischer Maler. Nur die Bauten des Strandbades Wannsee erinnerten daran, daß wir noch mitten in Berlin waren.

   Vom Heckeshorn grüßte der Flensburger Löwe, der unübersehbar an den Sieg der Preußen über die Dänen erinnern soll. Nur weiß heute kaum noch jemand, warum der Löwe da steht. Auch ich dachte, als ich ihn zum ersten Male sah, eher an den bayerischen Löwen, wie er am Eingang des Hafens von Lindau auf einer Säule sitzt und den Bodensee bewacht.

   Gabi war etwas ängstlicher (sie behauptet: vorsichtiger) als ich und beschloß daher, hier ihre Schlittschuhe auszuziehen und zu Fuß weiterzugehen. Der Rummel hatte etwas nachgelassen, trotzdem war die Eisfläche noch sehr belebt. Gelegentlich waren sogar Eissegler zu beobachten. Wir folgten den Eisläufern und Spaziergängern, die in Richtung Pfaueninsel unterwegs waren. Für die Fähre zur Pfaueninsel war die Wasserfläche offengehalten worden, daher versuchten wir, an der Dampferanlegestelle an Land zu gelangen, um die Fährstelle zu umgehen. Während Gabi dies mühelos gelang, nahm ich wieder schmerzhaften Kontakt mit der Eisfläche auf.

   Hinter der Fähre gingen wir wieder aufs Eis. Bei Glienicke ist die Havel am breitesten. Auf der einen Seite die Moorlake, auf der anderen Seite die Sacrower Heilandskirche. Im Süden Potsdam mit dem Parkanlagen Neuer Garten und Babelsberg. Südlich der Moorlake der Glienicker Landschaftspark. Auch im Winter hatten die Lenneschen Parkanlagen der Unterhavel ihren besonderen Reiz. Und auch sechs Jahre nach der Wiedervereinigung ist es für mich immer noch etwas Besonderes, die Stätten zu besuchen, die man früher nur von Ferne sehen konnte. So überquerten wir die Havel, um der Sacrower Heilandskirche eine Visite abzustatten. Hier waren wir schon ziemlich weit draußen und mit uns waren nur noch sehr wenige Menschen auf dem Eis. Diese verliefen sich dann auch noch auf der riesigen Eisfläche. Ein wenig mulmig war uns daher schon zumute, als wir mutterseelenallein mitten auf der Havel standen - ziemlich genau dort, wo früher die Grenze zwischen Westberlin und der DDR verlief. Wir erreichten aber sicher die Brandenburger Seite mit der Heilandskirche und dem Sacrower Schloßpark.

   Wir waren jetzt schon ca. vier Stunden auf dem Eis. Langsam dämmerte es, die Sonne war schon weg und Hochnebel zog auf. Es war Zeit, an die Heimfahrt zu denken. Also überquerten wir noch einmal die Havel, diesmal Richtung Glienicker Brücke. Jetzt waren wir allein auf der Eisfläche. Ich versuchte, mit Kinderträumen von Nordpolentdeckungen und Antarktisexpeditionen das mulmige Gefühl zu unterdrücken, das langsam hochkroch; Gabi hingegen sprach es offen aus. Und so waren wir doch recht froh, heil den Glienicker Landschafspark zu erreichen. Trotzdem waren wir uns einig: Diese Eiswanderung war ein einmaliges Erlebnis und heute ein wunderschöner, unvergeßlicher Tag.

   Und am nächsten Morgen setzte Tauwetter ein. Die Senatsverwaltung warnte vor dem weiteren Betreten des Eises. Die Eisdecke war jedoch so dick, daß sie sich in Teilen bis Ostern hielt. Und da der diesjährige Sommer nur kurz über die Osterfeiertage stattfand, konnte man nackte Sonnenanbeter an der Krummen Lanke auf die Eisfläche starren sehen.

* * *

Als wir diese Eiswanderung machten, ahnten wir noch nicht, daß wir im August nach Zehlendorf ziehen würden. Genauer gesagt nach Düppel, das mit seinem Namen ebenfalls an den preußischen Sieg über die Dänen erinnern soll. Ursprünglich hieß die Gegend hier »Neu-Zehlendorf«, das Gut wurde von Friedrich Bensch gegründet, der es jedoch aus Geldnot an einen Likörfabrikanten verkaufte. 1858 ging es dann an den Prinzen Friedrich-Karl von Preußen, der es nach seiner »glorreichen« Teilnahme am preußisch-dänischen Krieg und der Erstürmung der Düppeler Schanzen durch die »Gnade Wilhelms I.« seit 1864 »Rittergut Düppel« nennen durfte. Heute beherbergt das »Rittergut« die Veterinärmediziner der Freien Universität, die auch noch gleich ein kitschiges, unproportionales und zu groß geratenes Gebäude im bayerischen Stil direkt gegenüber belegen. Hier war während der Nazizeit die »Reichsreiterführerschule der SA« untergebracht, doch das wird heute gerne verschwiegen. Die Reitställe, Reitplätze und Reitwege für neu- und altreiche Zehlendorfer gibt es dagegen heute noch und werden viel genutzt.

* * *

Doch das wollte ich eigentlich nicht erzählen. Sondern, daß die Gegend um Wannsee und Havel nun in Spaziergangnähe (wenigstens beinahe) von unserer neuen Wohnung entfernt ist. Und so beschlossen wir eines schönen Herbsttages, die Eiswanderung zu wiederholen. Diesmal natürlich von der Landseite. Über den Klepperweg, der Rehwiese und entlang des Nikolassees wanderten wir erst einmal bis Wannsee. Die Straße »Am Großen Wannsee« beherbergt fast nur Bootshäuser und Vereinsheime der diversen Segel-, Jacht und Ruderclubs, die die Aussicht auf den Wannsee fast unmöglich machen. Gegen Ende, fast am Heckeshorn dann das Haus der Wannseekonferenz, wo 1942 Reichsführung und SS die berüchtigte »Endlösung der Judenfrage« beschlossen. Heute ist das Haus Gedenkstätte. Daneben - als kleines ironisches i-Tüpfelchen - ist die Villa des Malers Max Liebermann.

   Ab hier dann keine Uferbebauung mehr, sondern nur noch Wald und Wasser. Seit einigen Jahren versucht die Gartenbauverwaltung durch eine Mischung aus Verboten und Tafeln, die an die Einsicht der Berliner appellieren, die zerstörte Uferbepflanzung wieder zu renaturieren. Diesen Herbst sah dies ziemlich erfolgreich aus. Die Uferböschungen wirkten erholt und teilweise war unzerstörter Schilfbewuchs zu sehen. Wir waren uns jedoch nicht ganz sicher, ob dies auf die Einsicht der Erholungssuchenden oder den schlechten Sommer zurückzuführen ist. Oder ob der Berliner »Erholungssuchende« jetzt im Umland mehr »unberührte« Natur entdecken kann, die es zu zerstören gilt ... Der Weg über Land kam uns bedeutend länger vor, als der Weg übers Eis. Und Gabi träumte die ganze Zeit über von frischen, dampfenden Kaffee, den wir auf der Pfaueninsel zu uns nehmen wollten. Ich war mir da nicht so ganz sicher. Schwach erinnerte ich mich, daß schon Fontane von der Pfaueninsel berichtete, daß es dort keinen Kaffee gab. Und es gab dort keinen Kaffee!

   Die Pfaueninsel hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Ursprünglich hieß sie Kaninchenwerder und die Namensgeber waren die einzigen Bewohner. Funde belegen allerdings, daß sie einmal während der Bronzezeit auch von Menschen besiedelt gewesen war. Der erste belegte menschliche Siedler war hingegen der Alchimist Johann Kunckel von Löwenstern (1630 - 1703) der hier ein vom Großen Kurfürsten finanziertes »Geheimes Laboratorium« besaß, in welchem er sich in der Kunst des Goldmachens übte. Doch ähnlich wie Böttcher, der statt Gold das Porzellan (wieder-) entdeckte, gelang Kunckel nur die Herstellung von Rubinglas. Später gehörte die Insel zu einem Potsdamer Waisenhaus und wurde landwirtschaftlich genutzt. Gelegentlich - so wird kolportiert - suchte die Potsdamer Hofgesellschaft die verträumte Insel auf, um unter den Bäumen »orientalische« Feste zu feiern, wohl ein früher Euphemismus für Orgien. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhielt die Insel dann ihre heutige Gestalt. Das Lustschlößchen wurde dem damaligen Zeitgeschmack gemäß in Form einer Ruine geplant und ist keinesfalls nicht fertiggestellt - es sollte einfach so sein. Auch wurden exotische Pflanzen auf die Insel gebracht und ein Palmenhaus gebaut. Gleichzeitig beherbergte die Insel ein Menagerie, die 1842 nach Berlin gebracht wurde und den Grundstock des Berliner Zoos bildete. Nach 1880 verwaiste die Insel und bildete den »melancholischen Zauber« von Gärten aus, die ihren Besitzer überlebt haben (so die Broschüre der Verwaltung der staatlichen Schlösser und Gärten). Seit 1924 steht die Insel unter Naturschutz und ist ein beliebtes Berliner Ausflugsziel.

   Da wir auf der Insel keinen Kaffee bekamen, waren wir etwas bockig und ignorierten das an der Fährstelle liegende Wirtshaus. Unser Ausflug war fast zu Ende, mit dem Bus konnten wir über Wannsee direkt nach Hause fahren und dort unseren eigenen Kaffee trinken.

* * *

Einige Wochen später - der Herbst war schon ziemlich weit fortgeschritten - fuhren wir mit dem Bus bis zur Fährstelle der Pfaueninsel und setzten von hier aus unseren Spaziergang fort. Denn es war tatsächlich leichter und kürzer, geradewegs über das Eis zu laufen, als den verwinkelten und kurvenreichen Uferwegen zu folgen. Unser Ziel waren Blockhaus und Kirche Nikolskoe sowie der Schloßpark Glienicke. Schon bei unserem ersten Spaziergang hatten wir Chorgesang von der Kirche Peter und Paul in Nikolskoe gehört. Blockhaus und Kirche waren zu Ehren einer nach Russland verheirateten preussischen Prinzessin erbaut. Von hier oben aus hat man eine phantastische Sicht über die Havellandschaft. Und so ist das Blockhaus heute eines der beliebtesten Berliner Ausflugslokale. In der Kirche hingegen finden wohl mehr Konzerte denn Messen statt, eine mir nicht unsympathische Nutzung.

   Es lag schon mehr Laub auf dem Boden als noch an den Bäumen hing, trotzdem gelang es den Tieren im Wildgehege des Schloßparkes immer noch, sich erfolgreich zu verstecken. Gabi war enttäuscht - wir liefen einmal komplett um das gesamte Gehege herum und sahen nur einen einzigen Hirsch. Dafür trafen wir aber einige erfolgreiche Pilzesucher, die sogar behaupteten, daß ihre Funde eßbar seien. Uns hingegen war nur der Fliegenpilz bekannt, der hier überall wuchs. Von dem wußten wir aber mit Gewißheit, daß er giftig sei. Schloß Glienicke ist im pseudoitalienischen Stil erbaut und beherbergt heute ein Restaurant. Und doch ist es bedeutend schöner als das auf der anderen Seite der Bundesstraße 1 liegende Jagdschloß, in dem die Berliner Heimvolkshochschule untergebracht ist. Das Jagdschloß wurde dazu nämlich im »behutsamen« Stil der 50er Jahre umgebaut und wirkt daher wie eine Mischung aus Gründerzeit und Nierentisch - also sehr deutsch. Früher war hier die Welt zu Ende, für die meisten von uns war die DDR »terra incognita«. Heute rauscht der Verkehr über die »Brücke der Einheit« nach Potsdam, Agentenkrimis finden hier nicht mehr statt. Aber immer noch hat man von hier aus eine phantastische Sicht auf die Berlin-Potsdamer Parklandschaft mit ihren Schlössern, eine, wie man weiß, durch (Bau-) Spekulation gefährdete Kulturlandschaft. Vermutlich wird sie von der UNESCO auf die rote Liste der gefährdeten Kulturdenkmäler gesetzt werden müssen, da von der Politik kaum Einsicht zu erwarten ist. Noch immer wird, wie auch am Beispiel des Palastes der Republik zu sehen ist, in Neufünfland Vergangenheitsbewältigung und Neuanfang durch die Planierraupe erledigt. Über die Uferpromenade gingen wir zurück zur Fährstelle Pfaueninsel, vorbei am Wirtshaus Moorlake. Auf der anderen Seite grüßte wieder die Sacrower Heilandskirche. Kaum zu glauben, daß wir im Winter diese Wasserfläche auf Schlittschuhen überquert hatten. Jetzt fuhren Lastkähne und Ausflugsdampfer über die Havel, dazwischen kreuzten Segelschiffe und Motorjachten. Mit dem Ende der rotgrünen Koalition wurde auch das Motorfahrverbot für Sportboote auf der Havel aufgehoben. Seitdem rauscht der Schultheißberliner wieder mit seinem Dickschiff in den Schilfgürtel - eine spezielle Berliner Variante von »Freiheit oder Sozialismus« oder »Freie Fahrt für freie Bürger«. Die Natur hat das Nachsehen.

   Aus dem Wirtshaus Moorlake drang Stimmungsmusik. Daher unterdrückten wir tapfer unseren Kaffeedurst. Erneut stiegen wir Pfaueninsel in den Bus. Den Kaffee tranken wir wieder zu Hause.


Erstveröffentlichung: Sylvester 1996





Letzte Änderung: 12.01.2003; 21:28:02 Uhr | © Copyright: 2000 - 2002 by Kantel-Chaos-Team | Kontakt: der@schockwellenreiter.de

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