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25 July
2004

[Häuser, Höfe, Areale — Das nordwestliche Reuterquartier]  Eine architektur- und sozialgeschichtliche Stadtführung der besonderen Art.

Im letzten Monat hatten wir schon einmal an einem Kiezspaziergang durch das Reuterquartier teilgenommen, diesmal führte uns die Kunsthistorikerin Cornelia Hüge durch den nordwestlichen Teil des Kiezes und machte uns auf die schönen Seiten dieses Teils von Neukölln aufmerksam. Der Spaziergang begann am Kreuzberger Planufer und der Kottbusser Brücke, weil man hier von außen einen ersten Blick auf das Quartier erheischen konnte.

Das nordwestliche Reuterquartier

Der Spaziergang beginnt... in Kreuzberg! Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Die »Speerspitze« Neuköllns, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Das nordwestliche Reuterquartier zwischen Landwehrkanal, Kottbusser Damm, Friedelstraße und südlich etwa bis zur Pflügerstraße war wegen seiner verkehrsgünstigen Lage an der Verbindungsstraße nach Berlin und dem Schiffahrtskanal (heute Landwehrkanal) schon Mitte des 19. Jahrhunderts mit Gewerbeniederlassungen bebaut und bildete die Keimzelle für die Besiedlung des Reuterquartiers. Der südliche Teil hingegen, die »Cöllnischen Wiesen« wurden wegen ihres sumpfigen Untergrundes erst viel später erschlossen und haben bis heute auch nicht die dichte Bebauung, die das nördliche Reuterquartier auszeichnet.

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts war aus dem Gewerbeviertel am Ufer schon ein richtiges kleines Industrieviertel geworden, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Wohn- und Gewerbegebiet wuchs, indem sich ein Drittel aller Rixdorfer Industriebetriebe befanden.

Im Gegensatz beispielsweise zum Rollbergkiez, der eine reine Mietskasernensiedlung für Arbeiter war, war die Wohnsituation im nördlichen Neukölln durchmischt. Hier finden sich vielfach repräsentative Vorderhäuser mit größeren Wohnungen, die auch damals schon über ein Bad verfügten mit Seitenflügeln mit Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen ohne Bad und daran anschließenden Gewerbehöfen. Eine Auswahl aus dieser Vielfalt wollte uns die Stadtführerin zeigen.

Wohnhaus Schinkestraße 3

Wohnhaus Schinkestraße 3, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Die Schinkestraße war einmal so etwas wie das Zentrum des Industriegebietes zwischen Landwehrkanal und Kottbusser Damm. Hier stehen noch einige der nach einem Brand von 1886 gebauten Wohngebäude, die im Gegensatz zur späteren Bebbauung »nur« viergeschossig gebaut wurden, während die späteren Bauten alle die auch in Berlin übliche fünfgeschossige Bauweise übernahmen. Das Wohnhaus in der Schinkestraße 3 ist eines der Häuser aus dieser Zeit.

Fabrikgebäude Schinkestraße 20

Fabrikgebäude in der Schinkestraße 20, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Eingang zum Fabrikgebäude in der Schinkestraße 20, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Das viergeschossige Backsteingebäude in der Schinkestraße 20 wird heute noch ausschließlich als Produktionsstätte genutzt. Mit einer Unterbrechung von 10 Jahren beherbergt es seit beinahe 100 Jahren die »Gesellschaft für Blechemballage und Plakat-Industrie mbH, die bis heute (unter anderem) die berühmten Reklameschilder aus Blech herstellt. Das Gebäude entstand 1897 nach einem Entwurf des Maurermeisters und Architekten A. Winckler und erhielt 1906 noch einen fünfgeschossigen Seitenflügel. Bis 1905 diente der Bau als Gummifabrik, 1906 zog die 1904 gegründete »Gesellschaft für Blechemballagen und Plakat-Industrie«, denen der alte Produktionsstandort in der Kreuzberger Reichenberger Straße zu klein geworden war, in das dritte Stockwerk dieses Gebäudes ein. Infolge der Kriegswirren und der Materialknappheit mußte die Produktions 1915 eingeschränkt werden und die Firma zog in die kleinere Fabrik in der Schinkestraße 8/9 (siehe unten) um. Nach dem Aufschwung in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erwarb die Gesellschaft 1926 das Gebäude und zog erneut in die Schinkestraße 20/21 ein und nutzt das Gebäude bis heute (zusammen mit anderen Gewerbetreibende) unter dem Namen Plakat-Industrie.

Ein weiterer bekannter Nutzer des Gebäudes war die Schallplattenpresse »Dr. Albert Grünbaum« (später »Dr. Grünbaum und Thomas AG«), ein damals bekannter Produzent von Schellackplatten.

Und im Zweiten Weltkrieg hatten sich Teile der »Fliegertechnischen Schule« in dem Gebäude einquartiert und führten hier Schulungen durch.

Das Gebäude ist eines der wenigen historischen Gewerbebauten mit einer Straßenfront und steht heute unter Denkmalschutz.

Die »Schokofabrik«, Schinkestraße 8/9

Erläuterungen..., Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004»Schokofabrik« Schinkestraße 8/9, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Die Hinterhoffabrik in der Schinkestraße 8/9 ist eines der ältesten noch erhaltenen Gewerbegebäude im Kiez. Ihren Namen erhielt sie, weil sie von 1926 bis nach 1973 eine Schokoladenfabrik beherbergte ihre Berühmtheit begann jedoch erst 1976/1977. Damals zogen nämlich junge Leute auf der Suche nach erschwinglichem Wohnraum mit Duldung des Besitzers aber gegen den Willen des Bezirks und der Bauaufsicht in das Gebäude ein und gründeten dort Wohngemeinschaften. Die Räumung des Gebäudes wurde mehrmals nur knapp verhindert. Legendär waren auch die Hinterhoffeste der Bewohner, die von der Polizei — das »hausbesetzende« Kreuzberg lag schließlich nur wenige Meter entfernt — mißtrauisch beäugt wurden. Außerdem nutzte seit 1978 das »Türkenzentrum e.V.«, der erste türkische Kulturverein in Berlin das Gebäude (bis zur Kündigung 1992) und von 1979 bis 1999 hatte auch das Kindertheater Klecks hier sein Domizil.

Heute beherbergt der ruhig und idyllisch liegende Gewerbehof vornehmlich Architekturbüros und Softwarefirmen. Wohnungen gibt es nur noch sehr wenige. In einer Kellergalerie im Gebäude stellte 2003 im Rahmen der 48 Stunden Neukölln die Künstlergruppe newkoelln ihr Multimedia-Projekt WohnGemeinschaft (nach unten scrollen) dort vor.

Wohnhaus Bürknerstraße 22/23

Eingang zum Wohnhaus Bürknerstraße 22/23, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Das fünfgeschossige Wohnhaus in der Bürknerstraße markiert stilistisch den Übergang zur Moderne. Es verzichtet auf überbordernden Stuck, aber auch auf Jugendstilornamente und setzt mehr auf eine klare Fassadengliederung mit wenigen feinen Putzornamenten und Zierbändern. Besonders fallen nur die blau-violetten Kacheln im Sockelbereich und die in der gleichen Farbe gehaltenen Einfassungen der Hauseingänge auf.

Auch die Wohnqualität des Hauses lag schon in der damaligen Zeit weit über dem im Reuterkiez üblichen Niveau. Sämtliche Wohnungen war von Beginn an mit Badezimmern und Mädchenkammern ausgestattet. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst des damaligen Stadtbaurates und Leiter des Hochbauamtes Reinhold Kiel, der neben zahlreichen anderen Gebäuden auch das Rathaus und das Stadtbad Neukölln entworfen hatte. Unter seiner Ägide hatte die Stadt begonnen, Grund und Boden zum Weiterverkauf an private Bauherren zu erwerben, um so Einfluß auf die Bautätigkeit und die Bauqualität nehmen zu können.

Das Haus Bürknerstraße 22/23 steht heute unter Denkmalschutz.

Wohn- und Geschäftshaus Kottbusser Damm 90 Ecke Bürkner- und Sprembergstraße

Wohn- und Geschäftshaus Kottbusser Damm 90 Ecke Bürkner- und Sprembergstraße, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Das 1910 entstandene und heute denkmalgeschützte Gebäude ist eines der wenigen erhaltenen Berliner Frühwerke Bruno Tauts, der zusammen mit Franz Hoffmann die Fassade der Wohnanlage entwarf. Die heute noch in der Bürknerstraße erhaltene ursrpüngliche Fassadengestaltung war ungewöhnlich: Erkner, Balkone und Loggien ragen nicht aus dem Gebäude heraus, sondern sind durch eine wellenförmige Gestaltung mit dem Gebäude verschmolzen. Auch dieses Gebäude hatte von Anfang an einen hohen Wohnstandard mit bis zu Sechszimmerwohnungen und alle Wohnungen waren von Anfang an zentralbeheizt und bis auf wenige Ausnahmen mit Bädern ausgestattet.

Im Erdgeschoß beherbergte das Gebäude die »Kottbusser Klause«, ein großer Vergnügungs- und Veranstaltungsort mit einem knapp dreihundert Personen fassenden Saal. Ende der fünfziger Jahre war hier eine — vor allem unter dem Namen »Atelier 13« bekannte — Rock'n'Roll-Tanzbar, in der Dob Dobberstein and the four Dobs, aber auch Jungstars wie Drafi Deutscher und Manuela auftraten. Heute befinden sich in dem Saal die Umkleidekabinen des Textilgeschäftes »Restposten aus London«. Auch eine Art, mit der Geschichte der Popkultur umzugehen.

Wohnhaus Sanderstraße 20

Wohnhaus Sanderstraße 20, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Eingang zum Wohnhaus Sanderstraße 20, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Fassadendetail, Wohnhaus Sanderstraße 20, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Das Wohnhaus Sanderstraße 20 wurde 1908 erbaut und ist ein typisches Beispiel für die Wohnhäuser im Reuterkiez. Während das Vorderhaus Dreizimmerwohnungen mit Bädern und Mädchenkammern beherbergte waren im Seitenflügel und im Quergebäude nur Einfachstwohnungen, teilweise mit Außentoilette, untergebracht. Dies läßt vermuten, daß das Gebäude mit spekulativer Absicht erbaut wurde.

Das Gebäude ist aber auch deswegen bemerkenswert, weil es nach einer bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts reichenden Verfallzeit von einer Selbsthilfegruppe in Eigenregie und mit Mitteln der im Gefolge der Hausbesetzungen vom Senat aufgelegten sogenannten baulichen Selbsthilfe ab 1987 saniert und instandgesetzt wurde. 1991 war die Fassade, die Dacheindeckung, die Treppenhäuser und die Hausinstallation erneuert. Außerdem waren die Grünanlagen im Hof wiederhergestellt und das Dach begrünt worden. In einer zweiten Sanierungsphase von 1995 bis 1997 wurden auch der kriegszerstörte Seitenflügel instandgesetzt.

Da die meisten Mieter in dem Haus bleiben wollten, zogen die Eigentümer in die neu erstellten Dachgeschoßwohnungen des Gebäudes. Das Haus besitzt heute eine hohe Wohnqualität und führt zugleich die Möglichkeiten einer behutsamen Stadterneuerung vor Augen, die nicht auf Abriß und Vertreibung der Bewohner, sondern auf sorgsame Wiederherstellung mit den Bewohnern setzt.

Gewerbehof Friedelstraße 40

Eingang zum Gewerbehof Friedelstraße 40, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Gewerbehof Friedelstraße 40, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Remise im Gewerbehof Friedelstraße 40, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Der Gewerbehof Friedelstraße 40 ist ein Potemkinsches Dorf im Kleinen. Während das fünfgeschossige Vorderhaus mit der reichgeschmückten Jugendstilfassade Wohlstand vorgaukelt, stellen die Seitenflügel mit ihren Einfachstwohnungen den direkten Übergang zum Quergebäude dar, das als Fabrikgebäude genutzt wurde. Schon die Aufgänge zum Quergebäude führten sowohl in die Wohnungen der Quergebäude wie auch in die Etagen der Fabriken.

Die dortigen Fabrikinhaber saßen seltsamerweise immer zwischen den Stühlen. Zum einen beklagten sich die Anwohner der umliegenden Wohngebäude über den Schmutz und den Lärm der Fabriken, zum anderen gab es aber auch Streit mit den Nachbarn, weil man während eines Streikes 1911 es nicht erlauben wollte, Streikbrecher über den Hof der Fabrik in das angrenzende Fabrikgebäude in der Hobrechtstraße 31 Zugang zu gewähren. Das mittlere Photo oben zeigt die Mauer zu der damals bestreikten Fabrik, das rechte Photo zeigt, wie nah das Fabrikgebäude an den umliegenden Wohngebäuden lag. Die Beschwerden der Nachbarn über den Rauch und Schmutz waren daher mit Sicherheit berechtigt.

Atelier der Künstlerin Barbara Wrede, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004
Anfang 2003 zog der letzte handwerkliche Gewerbebetrieb aus. Dessen Räume werden nun von der Künstlerin Barbara Wrede — die uns als Gäste auch auf den Hof ließ – als Atelier genutzt. Die übrigen Etagen des Quergebäudes beherbergen, ähnlich wie in der Schokofabrik, diverse Dienstleistungsbetriebe, darunter ein Steuerberatungsbüro und eine Schulungs- und Beratungsgesellschaft.

Wohnhaus und Fabrikgebäude sind heute saniert und machen auf mich wieder einen wohlhabenden und satuierten Eindruck.

Kid's Garden, Hobrechtstraße 32

Neugierde..., Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Kid's Garden, Hobrechtstraße 32, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Anfang der 80er Jahre wurde auch von der offiziellen Politik wahrgenommen, daß es im Bereich des nordwestlichen Reuterkiezes erhebliche »städtebauliche Defizite« wie fehlende öffentliche Grünanlagen und Gemeinbedarfseinrichtungen gab. Infolgedessen wurde eine sogenannte vorbereitende Untersuchung zur Festlegung als Sanierungsgebiet durchgeführt. Aufgrund der schlechten Haushaltslage wurden aber 1995 nur fünf Blöcke förmlich als Sanierungsgebiet festgelegt. Eines dieser Blöcke, der Block 08 zwischen Hobrechtstraße 32 und Friedelstraße 39, ein dreitausend Quadratmeter großes Freigelände wurde zu Kid's Garden, einem Natur- und Spielgarten für Kinder aus den umliegenden Kindertagesstätten.

»Ökozentrum für Jugend und Beruf«, Hobrechtstraße 55

Hobrechtstraße 55, Durchblick auf weitere Gewerbehöfe, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004»Ökozentrum für Jugend und Beruf«, Hobrechtstraße 55, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Hobrechtstraße 55: Über die Höfe zum Kottbusser Damm, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004
Weitere Erläuterungen..., Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Wohn- und Fabrikgebäude Kottbusser Damm 79, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004 

Auf dem Kid's Garden gegenüberliegenden Grundstück in der Hobrechtstraße 55, dem Block 07 des Sanierungsgebietes, wurde im Jahre 2000 ein Kinderspielplatz gebaut. Dahinter liegt in einem umgebauten Fabrikgebäude seit 1999 das Ökozentrum für Jugend und Beruf, eine Einrichtung mit Angeboten zur Freizeitgestaltung und beruflichen Qualifizierung junger Menschen. Geplant ist auch, über einen Durchbruch des Nachbargrundstrückes einen durchgehenden »grünen« Weg bis zum Kottbusser Damm zu bauen. Auf diesem Grundstück soll ein 1.300 Quadratmeter großer »Lern- und Nachbarschaftsgarten« entstehen.

Über die Gewerbehöfe und Toreinfahrten des Grundstückes Kottbusser Damm 79 gelangt man aber auch heute schon bis auf den Kottbusser Damm — was wir auch taten, um uns der letzten Station unserers Stadtspazierganges zu nähern.

Ballhaus Rixdorf, Kottbusser Damm 76

Eingang zum Ballhaus Rixdorf, Kottbusser Damm 76, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Ballhaus Rixdorf, Kottbusser Damm 76, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004Der untere Saal im Ballhaus Rixdorf, Kottbusser Damm 76, Photo: Gabriele Kantel, 24.07.2004

Das Ballhaus Rixdorf wurde 1910 nach den Plänen des Architekten Egon Fröhlich als »Hohenstaufen-Festsäle« am Kottbusser Damm erbaut. Namensgeber war der gegenüber, schon in Kreuzberg liegenden Hohenstaufenplatz. Im heute nicht mehr bestehenden repräsentativen Vorderhaus gab es das »Hohenstaufen-Café«, das auf die dahinterliegenden Festsäle aufmerksam machte.

Die Hohenstaufen-Festsäle waren eher Festsäle für die (klein-)bürgerlichen Schichten Neuköllns. Zwar führte hier 1919 die Privat-Theater-Gesellschaft »Union« das gesellschaftskritische Stück »Die Ehre« von Hermann Sudermann auf und 1929 fand ebenfalls in diesen Sälen die Gründung der »Antifaschistischen Jungen Garde« des KPD-Unterbezirks 6 (nördliches Neukölln, südliches Kreuzberg) statt, aber das waren eher Ausnahmen im üblichen Ballbetrieb mit Restauration und Kegelbahnen.


Nach dem Krieg gab es hier erst Kino und 1951 eröffnete das »Ballhaus Rixdorf«, das dem Gebäudekomplex den heutigen Namen gab. Als Kino und Ballhaus Mitte der 60er Jahre schlossen, öffnete der türkische Tanzklub »1001 Nacht« und ein von Drafi Deutscher betriebener »Beat Club«. In der Nach-68er-Zeit wurden die Säle als Übungsräume von diversen Rockbands wie Kathargo, Tangerine Dream, Kran und auch Ton Steine Scherben genutzt, die hier ihre legendären Songs wie Macht kaputt was euch kaputt macht und Wir streiken aufnahmen.

Seit 1971 nutzte eine private Vereinigung von Künstlern und Pädagogen, das »Media Centrum e.V.«, den oberen Ballsaal als Kreativzentrum, in dem benachteiligten Kindern und Jugendlichen aus Neukölln und Kreuzberg Tanz-, Theater-, Mal- und Filmworkshops angeboten wurden. Die Macher sahen die kreative und künstlerische Tätigkeit als wichtiges Potential zur Befreiung und Emanzipation. 1985 kaufte das Ehepaar Redel — die Initiatoren des »Media Centrums e.V.« den gesamten Saalkomplex. Schon zuvor hatten sie als Mieter große Teile des sanierungsbedürftigen Gebäudes mit Eigenmitteln instandgesetzt.

Seit den 80er Jahren wurde der obere Saal auch von den großen Theatern der Stadt als Probe- und Außenbühne genutzt. So fanden hier Aufführungen des Schiller Theaters und der Schaubühne statt. Auch das Berliner Ensemble war langfristiger Mieter einer der Säle.

Seitdem Mitte der 90er Jahre die Theater wegblieben, versteht sich das Ballhaus Rixdorf wieder als Studio- und Veranstaltungsbetrieb. Einer der Höhepunkte sind die jeden Samstag im unteren Saal, den wir auch besichtigen durften, stattfindenden Tangonächte. Mit der wiederhergestellten Fassade machen die Betreiber auf diesen kulturellen Veranstaltungsort im Reuterkiez aufmerksam.

Hier endete unser Spaziergang, durch den Cornelia Hüge uns sachkundig und kurzweilig geführt hatte. Sie zeigte vor allen Dingen, das es auch auf einem kleinen Gebiet von nur wenigen hundert Metern Durchmesser viel Interessantes zu entdecken gibt, wenn man nur genauer hinschaut. Und ihre Führung stand unter dem Thema, daß über Neukölln vielzuviel Negatives berichtet wird und das Positive, was es in unserem Bezirk ja durchaus gibt, von den Medien unterschlagen wird. Genau dies ist ja auch eines der Anliegen des Neuköllner Merkurs. In diesem Sinne: Willkommen im Boot.

Wer die Führung gestern versäumt hat, am 18. September 2004 um 15:00 Uhr wird sie noch einmal wiederholt. Treffpunkt ist wieder die Kottbusser Brücke an der Ecke zum Planufer. Geht hin, es lohnt sich. Soviel geballte Informationen bekommt man selten vermittelt.

Hier geht es zur Photostrecke.

Literatur

Ursula Bach, Corenelia Hüge: Wo Neukölln auf Kreuzberg trifft. Das Reuterquartier im Wandel, Berlin 2004. Diese Broschüre, die auch beim Abfassen dieses Textes immer dann, wenn mein Gedächtnis versagte, als Nachschlagewerk diente, ist im Quartiersbüro Reuterplatz, Hobrechtstraße 59, 12047 Berlin, kostenlos erhältlich.

Udo Gößwald (Hg.): Inventur. Neuköllner Nachkriegszeiten, Berlin (Heimatmuseum Neukölln) 1995

Dorothea Kolland (Hg.): Rixdorfer Musen, Neinsager und Caprifischer. Musik- und Theatergeschichte aus Rixdorf und Neukölln, Berlin (Edition Hentrich) 1990

[Alle Photos: Gabi. Ein Klick auf die Photos öffnet Vergrößerungen in einem neuen Fenster.]

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Posted by kantel at 18:17 | Comments (0) | Trackbacks (1) | [Neukölln]

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