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27 June
2004

[Modellversuche, Protestbewegungen, Widerstand]  Im Neuköllner Reuterkiez gab es auffallend viele, interessante Modellprojekte und Initiativen, die auf die Selbstbestimmung der Menschen vor Ort zielten. Die Diplom-Politologin Ursula Bach führte heute durch den Kiez und zeigte uns dabei ein breites Spektrum von Protest und Aktion.

Das »Haus der freien Jugend«

Der Dachgarten in der Lenaustraße 2-4, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Der Spaziergang begann am 1912 gegründeten »Haus der freien Jugend« in der Lenaustraße 2 - 4. Dort gab es seit der Gründung bis zur Zerschlagung durch die Nazis eine stadtteilbezogene, christliche, durch die Berliner Stadtmission und deren Pfarrer Paul le Seur betriebene, offene Jungmännerarbeit. Sie hatte das Ziel, die Jugendlichen aus dem Elend des Arbeiterbezirks herauszuholen, ihnen ein sinnvolles Freizeit- und Bildungsangebot zu machen und natürlich, sie für die Kirche wieder zu missionieren. Das Haus besaß im Erdgeschoß eine Turnhalle und oben einen Dachgarten, der dazu diente, Luft und Sonne zu tanken. Es gab Bibliotheken, Diskussionsräume und vieles andere mehr. Nach 1933 beschlagnahmten die Nazis dieses schöne Gebäude, nur im Erdgeschoß durfte die Berliner Stadtmission noch wirken. Heute gehört das Haus wieder der Berliner Stadtmission, im ehemaligen Turnsaal ist eine Kirche untergebracht und in den oberen Geschossen — inklusive der Dachterasse, von der man eine schöne Aussicht über die Dächer Neuköllns hat — ein Seniorenwohnheim. Während unserer Visite feierte übrigens gerade eine afrikanische Gemeinde dort ihren temperamentvollen Gottesdienst mit Musik und Tanz. Auch ein nicht gerade alltägliches Erlebnis.

Der Reuterplatz

Reuterplatz, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Von hier ging es weiter zum Reuterplatz, der dem Kiez den Namen gegeben hat. Er war mehrmals Treffpunkt der Neuköllner Arbeiterbewegung zu Demonstrationen, unter anderem auch zu der Demonstration am 1. Mai 1929, dem berüchtigten Blutmai, an dem die Polizei etwa 32 Maidemonstranten und unbeteiligte Anwohner — vornehmlich in den roten Bezirken Wedding und Neukölln — erschoß.

Irmgard und Dr. Benno Heller

Von hier ging es weiter in die Sonnenallee 12, wo eine Gedenktafel an den jüdischen Gynäkologen Dr. Benno Heller (29.09.1894 - Anfang 1945) und seine Frau Irmgard Heller (30.01.1895 - 15.09.1943) erinnert. Dr. Heller war — bedingt durch die Not im Bezirk — zum Befürworter von Schwangerschaftsabbrüchen geworden und führte diese in seiner Praxis durch. Zu Beginn der Nazizeit begann er — unterstützt von seiner Frau — ein Netzwerk aufzubauen, um von der Verfolgung bedrohte Juden zu verstecken, damit sie in der Illegalität überleben können. Weder seine Frau noch er haben diesen Widerstand überlebt.

Vor der Gedenktafel für Dr. Benno Heller und seiner Frau Irmgard Heller, Sonnenallee 12, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Was von der Veranstalterin nicht erwähnt wurde, war, daß die 1996 errichtete Gedenktafel auf dem Trottoir aufgestellt wurde, weil sich der Hausbesitzer weigerte, sie an seinem Haus anbringen zu lassen. Und mich machte außerdem noch stutzig, daß das Ehepaar Heller in dem von Hans-Rainer Sandvoß im Auftrag der Gedenkstätte Deutscher Widerstand herausgegebenem Band »Widerstand in Neukölln« (1990) nicht erwähnt wird. Das Thema »Schwangerschaftsabbruch« war den Herausgebern wohl zu heikel...

Hausbesetzung der Pflügerstraße 12

Seniorenwohnheim Pflügerstraße 12, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Nun wurde ein großer Schritt in die jüngste Geschichte unternommen. Das heutige Seniorenwohnheim in der Pflügerstraße 12 (Ecke Reuterstraße) war bis 1976 ein recht gutsituiertes Wohnhaus, das zumindest im Vorderhaus große Vierzimmerwohnungen mit Bad und Mädchenkammer besaß. Jedoch wollte das Neuköllner Bezirksamt dort und auf den angrenzenden Grundstücken zusammen mit der STADT UND LAND Wohnbauten-Gesellschaft mbH einen Seniorenwohnkomplex gigantischen Ausmaßes errichten. Das Haus wurde entmietet und verkam, da weder ein Abrißantrag genehmigt wurde noch die notwendigen Nachbargrundstücke gekauft werden konnten. Im Dezember 1980 besetzten daher etwa 50 junge Leute dieses Haus und entwickelten zusammen mit der Bürgerinitiative (BI) Reuterstraße ein Modell, daß integrierte Altenwohnungen statt »Altenwohnsilos« vorsah. Doch trotz der großen Sympathie für die Besetzer aus der Neuköllner Bevölkerung ließ die Wohnungsbaugesellschaft im Oktober 1982 räumen. Etwa 300 Polizisten führten diese Räumung durch und sofort danach wurde das Haus innerhalb weniger Stunden dem Erdboden gleichgemacht.

Heute ist dort tatsächlich ein, wenn auch wesentlich kleinerer, Seniorenwohnkomplex untergebracht, der von der Architektur her von außen auf mich einen ziemlich abweisenden Eindruck machte.

Die evangelische Nikodemuskirche in der Nansenstraße 12/13

Nikodemuskirche, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Unser nächstes Ziel war die in den Jahren von 1912 bis 1913 erbaute evangelische Nikodemuskirche in der Nansenstraße. Doch die Mehrheit der Bevölkerung in der Gegend waren Arbeiter, die mit der Kirche recht wenig am Hut hatten. Die aktiven Gemeindemitglieder kamen vor allem aus dem (klein-) bürgerlichen Milieu und waren patriotisch und konservativ geprägt. Selbst in den 20er Jahren trauerte man hier noch der Monarchie nach und veranstaltete Protestversammlungen gegen die gerade in Neukölln eingeführten weltlichen Schulen.

In der Zeit des Nationalsozialismus war die Gemeinde von den nationalsozialistischen Deutschen Christen dominiert. Viel änderte sich auch in der Nachkriegszeit hier nicht.

Erst Mitte der 70er Jahre, als zwei junge — von der Studentenbewegung geprägte — Pfarrer in die Nikodemusgemeinde kamen, änderte sich das Bild des Gemeindelebens. Es wurden Initiativen zur Wohnumfeldverbesserung gefördert, die Gemeinde nahm zu verschiedenen Initiativen im Bezirk — von den Hausbesetzern in der Pflügerstraße und zu dem »Türkenzentrum« in der Schinkestraße — Kontakt auf und organisierte 1983 das Straßenfest »Kiez international« mit. Während dieser Zeit engagierte sich die Gemeinde außerdem aktiv in der Friedensbewegung. Heute sind diese Aktivitäten zwar nicht völlig verraucht, aber bei sinkender Zahl der Gemeindemitglieder (1984 gerade noch 9.000 und heute sicher noch weniger), sind große Aktionen kaum noch möglich. Immerhin wurde dort im März 2003 von der Neuköllner Oper Bracke, ein szenisches Oratorium nach dem Roman von Klabund aufgeführt.

Katholische Sankt-Christopherus Kirche

Sankt-Christopherus Kirche, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Die katholische Sankt Christopherus-Kirche liegt direkt nebenan in der Nansenstraße 4 - 7. Sie wurde von 1929 bis 1932 gebaut und die Gemeinde ging gleich nach der Machtergreifung durch die Nazis in die »innere Emigration«, aus der sie auch nach 1945 lange Zeit nicht herauskam. Das änderte sich, als 1993 ein Team der Pallotinischen Ordensgemeinschaft die Seelsorge übernahm. Sie setzten mit dem Projekt Kirche im sozialen Brennpunkt einen Schwerpunkt und engagieren sich bis heute in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit sowie in der Arbeit mit Obdachlosen.

Rütlischule und Rütlistraße

Unser letztes Ziel war die etwas abgelegene Rütlistraße. Hier treffen Geschichte und Gegenwart besonders innig aufeinander. Auf der nördlichen Seite der Straße liegen die beiden etwa 1920 vom Neuköllner Schulstadtrat Dr. Kurt Löwenstein gegründeten, weltlichen Reformschulen ohne Religionsunterricht, die ersten von 11 Reformversuchsschulen, mit denen Neukölln eine bedeutende Stellung bei der Schulreform der Weimarer Republik einnahm. Hier wurde schon damals versucht, die Schulen zu demokratisieren, sie von konservativen christlichen Einflüssen zu befreien und die Bildungschancen gerechter zu verteilen.

Die Fassade des Jugendclubs Manege, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Auf der anderen Seite der Straße liegt der Jungendclub Manege, der als »Jugendhaus Wetzlar« in den 80er und 90er Jahren als Treffpunkt der türkisch beziehungsweise arabisch dominierten Jugendgangs »Reuter« und »Spinne« und den daraus resultierenden Gewaltproblemen bekannt war. Doch von 1998 bis 2000 kam es zu einer äußeren und inneren Umgestaltung des Hauses, die durch die Umbenennung in »Jugendclub Manege« manifestiert wurde. Anfang 1999 zog die Künstlergruppe Fusion e.V. in das Haus ein, die dort erfolgreich die Projekte »Offene Kunstwerkstatt« und »Job statt Sozialhilfe« initiierten. Die Initiatoren dieses Vereins bauten mit den Kindern und Jugendlichen Großskulpturen für den Karneval der Kulturen und nehmen auch mit 150 Jugendlichen an diesem jährlichen Spektakel teil. Außerdem gestalteten sie die Fassade neu und knallbunt und werteten die Einrichtung optisch auf.

Der Ochsenfrosch bewacht den Eingang zur Jugendstraße, Photo: Gabriele Kantel, 27.06.2004 Im Jahr 2000 übernahm Fusion e.V. das Haus in alleiniger Verantwortung in freier Trägerschaft. Der jüngste Erfolg ist die 2003 erfolgte Umwidmung der Rütlistraße in eine Jugendstraße, mit der das Projekt kreativ in die Gestaltung des Sozialraumes eingreift. Ziel ist die Vernetzung mit den angrenzenden Schulen und der Kindertagesstätte. Die Straße wurde für den Autoverkehr gesperrt und in einen Aktionsraum für Kinder und Jugendliche umgestaltet. Zwei knallbunte, riesige Ochensfrösche bewachen nun den Eingang zur Jugendstraße.

Alles in allem war dieser Kiezspaziergang sehr informativ. Wer an ihm teilnehmen will: An den Sonntagen am 22. August und am 17. Oktober 2004 wird er noch einmal wiederholt. Treffpunkt ist jeweils um 14:00 Uhr das Stadtmissionshaus in der Lenaustraße 2 - 4. Natürlich umsonst und in Neukölln. (Wo denn sonst?)

Hier geht es zur Photostrecke (16 Bilder).

Literatur

Ursula Bach, Cornelia Hüge: Wo Neukölln auf Kreuzberg trifft. Das Reuterquartier im Wandel, Berlin 2004. Diese 100-seitige Broschüre ist im Quartiersbüro Reuterplatz, Hobrechtstraße 59, 12047 Berlin, Tel. 627 37 952 kostenlos erhältlich.

Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Neukölln. Heft 4 der Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945. Herausgegeben von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin 1990. Auch dieser informative, 287 Seiten starke Band war kostenlos, ob er jedoch noch irgendwo zu bekommen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Er sollte allerdings »Pfichtexemplar« in jeder gutbestückten Bibliothek sein. [Photos: Gabriele Kantel (ein Klick auf die Bildchen öffnet Vergrößerungen in einem neuen Fenster), Artikel vom 27. Juni 2004]

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Posted by kantel at 23:49 | Comments (0) | Trackbacks (0) | [Neukölln]

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